The struggle isn’t that real

Mit einem leisen Wimmern lege ich meine EC-Karte auf die Theke. 59€ für ein Buch, das ich im Prinzip auch als PDF im Internet finden oder in einem niederländischen Antiquariat bestellen könnte. Ich unterschreibe, wünsche dem Kassierer einen schönen Abend und schleppe „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“ durch die Stadt. Die beiden Bände sind deutlich größer und schwerer als erwartet. Während ich diesen Text schreibe, halte ich immer mal wieder inne, suche nach richtigen Formulierungen (finde sie nicht) und massiere meine Schulter.

Schwerer als die Bücher sind nur meine Gedanken. Muss das denn sein? Weiterlesen

Bombing for peace is like usw

Wegen der Ereignisse in Heidenau machen viele Tweets die Runde, die sich entsetzt zeigen – vollkommen zu Recht. Meine Timeline fordert – ebenso zu Recht – eine klare Benennung von Rassisten, die nicht einfach „nur“ Asylkritiker oder -gegner sind, sondern fucking RassistenMan berichtet auch davon, wie man in Asylbewerberunterkünften versucht zu helfen. Meine Timeline macht sinnvolle Dinge.

Meine Timeline macht aber auch nicht ganz so sinnvolle Dinge. Manch einer schämt sich wegen der Rassisten in Heidenau dafür, Deutscher zu sein. Manch einer stellt klar, dass nicht alle Sachsen Rassisten sind. Wieder andere schieben rassistische Angriffe auf Dummheit und hier haben wir das Thema dieses Textes.

Rassisten sind nicht dumm.

„Dumm“ ist ein Wort, das für intelligenzgeminderte Menschen benutzt wurde (und wird). Es diente zur Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit einem sehr niedrigen IQ. „Aber das ist doch heute ganz anders!“, kontert ihr. „Eigentlich bist du behindertenfeindlich, weil du bei ‚dumm‘ als erstes an Menschen mit Behinderungen denkst!“

[frustrierten Schrei einfügen]

Worte haben, das mag jetzt überraschend kommen, eine Bedeutung und eine Geschichte. Natürlich entwickelt sich Sprache, aber das löscht die Geschichte bestimmter Wörter nicht aus; manche Konnotationen ändern sich, andere wiederum bleiben erhalten. Sprache prägt unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit. Sprache ist außerdem ein Mittel der Gewaltausübung, der Marginalisierung, der Diskriminierung. Durch Sprache werden Machtverhältnisse sichtbar.

„Rassisten sind dumm“ macht das in vielerlei Hinsicht deutlich.

  1. „Dumm“. Bezieht sich die Aussage auf Intelligenz? Dann ist die Aussage an sich ableistisch. Verfügt der besagte Rassist über eine als minderwertig betrachtete (was an sich ja schon furchtbar, aber wieder ein anderes Thema ist) Schulbildung? Dann herzlichen Glückwunsch, dass du dich für etwas Besseres hältst, weil du einen anderen Abschluss hast.
  2. Ach ja, wenn wir schon bei Schulbildung sind: Rassisten (insbesondere aus strukturschwachen Regionen) „dumm“ zu nennen zeugt auch von Klassismus. Ich spekuliere mal wild drauf los und behaupte, dass dieser Klassismus – „ihr Nazis seid doch nur Hartzer, die mit Ach und Krach die Hauptschule geschafft haben“ – Öl ins Feuer gießt. Mangelnde soziale Mobilität, die auch von Bildung abhängt, für die wiederum sozioökonomische Faktoren ausschlaggebend sind, führt zu Frust, der zu Rückzug oder Rebellion führen kann (Merton lässt grüßen). Um sich besser zu fühlen, pöbelt man halt gegen „Schwächere“ – in diesem Fall Asylbewerber. Man sucht jemanden, auf den man herabschauen kann. Oh, guck mal, eine Parallele zu Punkt 1, wenn auch in einem anderen Ausmaß.
  3. Rassisten sind nicht zwangsläufig „dumm“, weder im Sinne der Intelligenzminderung noch im Sinne von „das sind unreflektierte, ungebildete Hinterwäldler“. Die Redakteure von BILD und Co. wissen ganz genau, was sie tun und was ihre – mangels eines besseren Ausdrucks – Berichterstattung bewirkt. Namhafte Politiker, die in letzter Zeit mit ganz besonders bezaubernden Aussagen zu Wirtschaftsflüchtlingen und Sozialschmarotzern aufgefallen sind, vertreten ihre Position aus tiefster Überzeugung. Sie haben Zugang zu allen nötigen Informationen, sie haben die entsprechenden Ressourcen und vor allem haben sie Macht. Sie haben wichtige Posten inne, Massenmedien verbreiten mit Vergnügen ihre Parolen, sie sind Brandstifter Meinungsmacher. Und wenn es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben darf, der Stammtisch aber immer weiter weg driftet, dann nähert man sich dem besorgten Bürger eben an und bietet ihm eine sichere (politische) Heimat – anders als den Asylbewerbern, die eh nicht wählen dürfen.

Im Prinzip hat sanczny doch schon alles dazu gesagt, wenn auch in einem anderen Kontext:

„Diese Kämpfe sind da, wo viel zu viele linke sich von Nazis als fetten, dummen, hässlichen Prolls abgrenzen, statt deswegen, weil sie Nazis sind. Weil man nicht versteht, warum Proll kein Schimpfwort ist. Weil man nicht versteht, dass das klassistische Diskriminierung ist. Weil man nicht versteht, was an klassistischer Diskriminierung überhaupt schlimm sein soll.

Und diese Kämpfe sind auch da, wo dasselbe mit ableistischer (behindertenfeindlicher) Diskriminierung passiert. Wo man, wenn man politische Gegner als dumm, verrückt oder Idioten bezeichnet, davon ausgeht, dass das schon okay wäre, weil der Zweck wichtiger ist als das Mittel.“

„Aber ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten!“ Ob du’s glaubst oder nicht, das hatte ich auch gar nicht vor. Je mehr Tweets über die vermeintliche Dummheit von Rassisten ich gelesen habe, desto unwohler wurde mir dabei. Leider lässt sich meine Meinung nicht auf knackige 140 Zeichen reduzieren, deshalb ein Blogpost. Zu behaupten, Nazis seien einfach „dumm“, ist eben nicht nur diskriminierend, sondern auch gefährlich und zu einfach. Aber wenn wir grad eh schon dabei sind – warum nicht mal den eigenen Sprachgebrauch, das Denken und das Handeln hinterfragen?

„Wir haben doch viel wichtigere Probleme!“ Natürlich haben wir die, aber wie immer unterschätzt ihr meine nicht ganz so geheime Superkraft: Ich kann mich über sehr, sehr viele Dinge gleichzeitig aufregen.

PS Entgegen landläufiger Meinung ist mir durchaus bewusst, dass ich nicht unfehlbar bin. Ich arbeite an mir (inkl. Sprachgebrauch, Denken und Handeln). Seine eigenen Privilegien zu hinterfragen ist ein ewiger Prozess und ich nehme mich nicht davon aus. Sprache allein kann Diskriminierung nicht beseitigen; sie ist aber eine wichtige Komponente. Man muss dem Gesagten halt auch Taten folgen lassen.

Der gute Depressive™

In der 12. Klasse verbrachten meine damals aktuelle depressive Episode und ich einige Zeit in einer Klinik. Leider konnten wir diesen kleinen Urlaub nicht in die Sommerferien legen, sondern sind einfach mitten im Schuljahr für ein paar Wochen von der Bildfläche verschwunden. Als ich wieder halbwegs stabilisiert war, stand ein Gespräch mit dem Kollegstufenbetreuer an. Ich erzählte, was mit mir los war und wie ich mir den restlichen Weg bis zum Abitur so vorgestellt habe. Er warf irgendwann ein: „Also Katarina, ich kann nicht so wirklich glauben, dass du depressiv sein sollst. Dafür redest du zu offen.“

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Schneisen schlagen

13. März 2015. Meine Nichte ist zwei Tage vorher 10 Jahre alt geworden und feiert am nächsten Tag ihren Geburtstag mit ihren Freunden im Schwimmbad. Sie hatte mich schon einige Zeit vorher angerufen und sehr lieb gefragt, ob ich die zweite „Erwachsene“ sein und mitkommen möchte. Natürlich weiß sie genau, dass ich ihr nichts abschlagen kann, vor allem nicht, wenn sie anruft und selber fragt. Am 13. März kam noch ein Anruf – ob ich mit ihr einkaufen gehen kann, sie bräuchte Badeshorts und die Mama kann heute nicht.

Sie freut sich sehr auf ihre Party und ist dankbar, dass ich mit ihr Shoppen gehe. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum fragt sie, ob ich wirklich die einzige aus der Familie bin, die aufs Gymnasium gegangen ist. Weiterlesen

Fifty Shades of Gastbeitrag

KatiKuersch proudly presents den ersten Gastbeitrag auf ihrem Blog. Er stammt aus der Feder von @_Red_Queen.

Warum ich 50 Shades gefährlich finde, auch wenn es alle feiern*

(*Der Text ist auf einer heteronormativen Dynamik aufgebaut, da eben diese im Buch/Film gezeigt wird. Alle behandelten Themen und Probleme können allerdings in jeglichen gender- und orientation-Konstellationen auftreten!)

Als die Bücher erschienen, ging ein Raunen durch die Menge. BDSM-Thematik. In einem Buch. Einem Buch, das nicht nur in Bahnhofsbuchhandlungen verkauft wurde. 

Und 50 Shades wurde so schnell zum Mainstreamerfolg, so schnell konnte man gar nicht gucken. Jeder las die Bücher, verschlang sie heimlich zuhause im halbdunkeln Schlafzimmer oder ganz stolz präsentierend in der Bahn.

An sich wird eine recht typische Story beschrieben. Junges, unschuldiges Mädchen. Reicher, verdorbener Mann. Mann verführt Mädchen. Mädchen verliebt sich in Mann. So weit, so alt. Trotzdem wurde von einer „Revolution“ gesprochen, schließlich ging es nicht um „normalen“ Sex, sondern BDSM. Um einen Mann, der sich selbst als Dom bezeichnet und ein Mädchen, das von ihm als sub bezeichnet wird. 

Warum also reihe ich mich jetzt noch in die vielen vielen vielen Einträge ein, die schon zu diesem Thema geschrieben wurden?

Ganz einfach, weil ich gestern im Kino war (man weiß ja gerne, worüber man sich aufregt) und schockiert war von den Reaktionen der anderen Zuschauer. Von all dem Kichern aus den Reihen und dem verschämten Wegsehen abgesehen, fielen oft Kommentare wie: „Ich will auch einen Mr. Grey“, gefolgt von einem Augenzwinkern.

Ich bekam in letzter Zeit häufig gesagt, dass ich weder das Buch lesen, noch den Film ansehen müsse, wenn ich ein Problem mit der Thematik habe. Die Antwort darauf ist allerdings recht einfach. Doch, muss ich. Wieso? Weil die Problematik, die durch 50 Shades entstanden ist, nicht weg geht, nur weil ich wegsehe!  

Aber fangen wir doch am Anfang an und gehen schrittweise vor.

Was regt mich an der 50-Shades-Hysterie so auf?

Überall wird darüber gesprochen. Jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben. Jeder Radiosender und jede Fernsehshow baut das Thema irgendwie ein. Es werden Beziehungsexperten und Paartherapeuten eingeladen, die schlaue Sätze von sich geben wie: „Es ist eine gute Möglichkeit das langweilige Sexleben aufzupeppen“. Die Anmoderation sieht meist gleich aus, wie beispielsweise beim SAT1 Frühstücksfernsehen. „SM ist jetzt für jeden. Man haut sich ein bisschen auf den Popo und gut ist.“ Und die sogenannten Experten für das Thema pflichten lächelnd bei. Dazu fällt mir nur eines ein: NEIN! 

Ein Klaps auf den Po, ein bisschen härterer Sex macht noch lange kein BDSM. Außerdem hat BDSM nicht zwangsläufig etwas mit Schmerzen zu tun. 

Was genau ist BDSM eigentlich?

BDSM bezeichnet Spielarten aus den Bereichen Bondage&Discipline (BD), Dominance&Submission (DS), Sadism&Masochism (SM) zusammen.  Wie mit vielen großen Überkategorien ist es auch beim BDSM nicht möglich (und auch nicht wünschenswert) genau aufzuschlüsseln, was alles Teil des Spiels ist. Aber eines haben alle diese Spielarten gemeinsam: Sie beruhen auf Grundsätzen, die immer gelten.

Spiele im BDSM müssen und sollen immer safe, sane and consensual sein. Was das genau heißt? Es bedeutet, dass die Partner sich Gefahren und Risiken bewusst machen und die Gesundheit nicht gefährden, dass die Partner geistig fit und zurechnungsfähig sind und die Aktivitäten in beiderseitigem Einverständnis stattfinden.

Während bei S/M-Spielarten Schmerzen eine Rolle spielen, muss das bei D/s nicht auch so sein. Es gibt genügend subs, die abgesehen von einem Klapps auf den Po noch keine Erfahrungen mit spanking gemacht haben und die außer Plüschhandschellen, die sie zum 18. Geburtstag bekamen und danach an den Bettrahmen klickten, nichts mit Fesselungen zu tun haben.

Was genau Teil der jeweiligen Beziehung ist, aus welchen der vier Buchstaben sie nun bestehen mag, entscheiden einzig und allein die Partner, die daran beteiligt sind und dann auch immer safe, sane and consensual!

Spreche ich damit nicht den Lesern/Zuschauern ab, zwischen BDSM-Spiel und Missbrauch zu unterscheiden?

Teilweise, ja. Aus einem einfachen Grund. Nehmen wir an die Leserin X hat das Buch verschlungen. Sie war begeistert von den Charakteren und fasziniert von Mr. Grey und seiner Macht über Ana. Sie stellt sich vor sie wäre Ana und würde Mr. Grey gegenüberstehen. X geht mit einer Freundin feiern, trifft einen netten Mann Y. Y ist gutaussehend, klug und nennt sich selbst Dom. Er erklärt Y, dass er über sie bestimmen wird und weil Y nur 50 Shades als Grundlage hat, denkt sie, das sei okay. Er fängt an ihr zu verbieten sich mit ihren Freund_innen zu treffen, ihr Vorschriften zu machen, was ihre Freizeit anbelangt, und reagiert überaus eifersüchtig auf ihre Arbeitskollegen. Y sieht hier keinen Fehler, denn schließlich sind das Regeln, die „normal“ sind im BDSM-Bereich. Mr. Grey hatte doch auch Regeln für Ana. Und genau hier sind wir am Knackpunkt:

BDSM heißt nicht, dass die sub jegliche Rechte aufgibt.

BDSM heißt nicht, dass die sub keine Meinung haben darf.

BDSM heißt nicht, dass die sub tun muss, was immer ihr Dom verlangt.

BDSM heißt nicht, dass die sub ihr körperliches und geistiges Wohl vernachlässigen soll.

BDSM heißt nicht, dass die sub Gewalt ertragen muss, weil es angeblich zum Spiel gehört.

Der Unterschied zwischen BDSM und Missbrauch ist eigentlich einfach zu erkennen. BDSM setzt (informed) consent voraus. Alle beteiligten Personen sagen ausdrücklich, dass sie das wollen, was geplant wurde, und wissen auch über die Praktiken Bescheid. Missbrauch ist genau das, was das Wort schon sagt: Es ist das Ausüben von Handlungen, denen die Person nicht zugestimmt hat, oder nicht zustimmen konnte.

Trotzdem ist es manchmal – vor allem für Menschen, die neu zum BDSM finden – schwer zu erkennen und zu verstehen, wo Grenzen überschritten, wo sie zu etwas gedrängt oder überredet werden/wurden. Vor allem wenn einer Person, wie in dem oberen Beispiel, eingeredet wird, man mache das nun mal so in diesen Beziehungen.

Aber auch als Neuling ist man natürlich nicht hilflos ausgeliefert. Man kann sich mit der Thematik auseinandersetzen, mit anderen aus der Szene (Stichwort Stammtisch!) über deren Erfahrungen und auch über die eigenen sprechen und vor allem sollte man vorsichtig sein, wenn vermeintliche Doms einem einreden wollen, was „richtiges“ BDSM ist.

Kurz gefasst ist es für Neue und Interessierte wichtig: Hinterfragt, kommuniziert, seid neugierig, recherchiert, lest auf twitter/tumblr nach, meldet euch bei fetlife oder ähnlichen Seiten an!

(Schön zusammengefasst ist der Unterschied hier.)

50 Shades ist abuse!

Zu diesem speziellen Aspekt wurde schon so viel geschrieben, dass ich es nicht treffender schreiben könnte.

Mr. Greys Vergangenheit ist kein Auslöser und keine Entschuldigung!

Die Kommentare kurz nach dem Erscheinen des Buchs waren recht eindeutig. Viele in meinem Umfeld ließen verlauten, dass es kein Wunder sei, dass Mr. Grey so seltsame Vorlieben habe, schließlich habe er vieles durchgemacht. Weil es natürlich einen Grund braucht, um bestimmte Vorlieben zu haben. Was genau ist der Auslöser für eine Vorliebe für Kuschelsex? Oder wenn man nicht heterosexuell ist? Buch und Film vermitteln, dass es einen Grund geben muss, weshalb man BDSM lebt, obwohl das absoluter Blödsinn ist. Es gibt Menschen, die in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben und heute BDSM leben, genauso wie es Menschen im BDSM gibt, die noch nie Erfahrungen mit Missbrauch gemacht haben.

Viel wichtiger ist aber zu betonen, dass eine „schlimme Vergangenheit“ niemals eine Entschuldigung für Missbrauchsverhalten sein kann.

Was will ich eigentlich sagen?

Zu allererst natürlich: Fifty Shades of Grey ist mehr als problematisch.

Aber auch: Ihr interessiert euch für kink? Findet es spannend, aufregend und wollt ein bisschen in die verschiedenen Spielarten reinschnuppern? Tut es! Probiert aus, was euch interessiert, sucht euch andere Interessierte, besucht Parties, geht zu Stammtischen und Workshops!

Und immer daran denken: Gut für euch und eure Partner ist es nur, wenn es safe, sane and consensual ist!

1000 Tode schreiben

Manchmal schreibe ich, ohne mich dabei über irgendwas aufzuregen. Selten, aber es kommt tatsächlich gelegentlich vor. Der Text da unten entstand irgendwann spätabends. Er ist ein Fetzen meines Innenlebens, also sehr persönlich, und musste deswegen unbedingt veröffentlicht werden. Man kann ihn nicht nur hier lesen, sondern auch in 1000 Tode schreiben. Der Erlös des eBooks geht an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin. Wenn ihr also mehr Texte über den Tod lesen möchtet (was ich euch sehr empfehlen würde) oder wenn ihr etwas Gutes tun wollt (was ich euch noch viel mehr empfehlen würde), könnt ihr das Buch kaufen.

Oh. Sicherheitshalber mal eine Triggerwarnung [Suizid].

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Gutmenscharschlöcher

Im Laufe meines Lebens habe ich schon viele verschiedene Beleidigungen an den Kopf geknallt bekommen. Manche davon verstehe ich, andere nicht. Eine ganz besonders nicht: „Gutmensch“.

Der Duden sagt, ein Gutmensch sei ein „[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o. ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt“. Aha. Kann man unkritisch politisch korrekt sein? Dass es Menschen auf den Sack geht, ihr eigenes potenziell diskriminierendes Verhalten und/oder Denken zu reflektieren, kann ich ja verstehen. So halbwegs zumindest. Das ist wirklich anstrengend, habe ich mir sagen lassen.

Aber zurück zu den Gutmenschen. Der gemeine Gutmensch an sich, was macht der denn eigentlich, das ihn so furchtbar macht, dass er zu einem Schimpfwort wird? Christian Nürnberger identifizierte das Gutmenschentum als „die links-liberal-feministisch-schwul-lesbische Schickeria, die Grünen, die Klimaforscher, die Multikulturalisten, die Veranstalter von Live Aid und Live-8-Events-für-Afrika, die klampfenden Wir-sind-alle-lieb-Kirchentagsbesucher, und all jene Biedermänner und Biederfrauen, die das Denken durch die Moral ersetzen, nichts können, aber eine edle Gesinnung haben, nichts wissen, aber allerhand glauben und meinen, vor dem Islam in die Knie gehen, vor den Terroristen kapitulieren und die nächste Hölle vorbereiten“. Das klingt in der Tat schrecklich. Die links-liberal-feministisch-schwul-lesbische Schickeria ist der Dachverband der Virulenten Homolobby, die sich die „Totalverschwulung sämtlicher heterosexueller Männer und [die] damit einhergehende Ausrottung der Menschheit“ zum Ziel gemacht hat. Verständlich, dass jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand da Angst bekommt. Da braucht es gar nicht den Veggie-Day-Totalitarismus der Grünen oder die musikalische Grausamkeit von „Do They Know It’s Christmas“, um den Gutmenschen in all seinen Variationen zum natürlichen Feind der „Mitte der Gesellschaft“ zu machen.

Dann warf ich aber einen Blick ins Grundgesetz und stutzte. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, irgendwas mit „freier Entfaltung der Persönlichkeit“, „alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, irgendwas mit Religionsfreiheit, „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ – da gutmenschelt es doch sehr, möchte man meinen.

Im Kontext von Diskussionen über Pegida, Flüchtlinge und Asylgesetzgebung stößt man auch immer wieder auf Geschimpfe über das Gutmenschentum. Dass genau jene patriotischen Europäer, die das christlich-jüdische Abendland vor der Islamisierung retten wollen, sich über Menschen aufregen, die ihr Handeln auf so einem gänzlich unchristlichen Wert wie Nächstenliebe oder dem furchtbar weltfremden Grundgesetz, das ja bekanntlich das Werk einer polyamoren Kommune voller Feminist_innen mit verschiedensten Geschlechtsidentitäten ist, aufbauen, ist das hübscheste Paradebeispiel für Ironie, das mir in den letzten Jahren begegnet ist.

Aber gut. In den Zehn Geboten steht ja nur „Du sollst nicht morden“. Dass man Asylbewerberheime nicht anzünden soll, steht da nicht. Das Abendland ist also sicher. Die wahre Gefahr kommt – wie immer – von links, aus der Ecke der Gutmenschen.

Ölff

Der geneigte Leser weiß, dass ich Menschen nicht besonders gerne mag, aber er weiß auch, dass ich trotzdem gelegentlich mit ihnen kommuniziere. Manchmal sogar von Angesicht zu Angesicht. Der werte Herr Sonderbayer hat mich im Ostflügel meines Palasts besucht und es gab Alkohol. Sonst hätte das vermutlich keiner von uns ertragen.

Serviervorschlag für diesen Podcast: Alkohol. Viel Alkohol.

[Natürlich nur in Maßen und erst, wenn ihr alt genug dafür seid. Drink responsibly, kids.]

Bayer telefoniert mit Kuersch (inkl. hasserfülltes, unangenehmes Schweigen)

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es gibt tatsächlich einen Menschen, der noch mehr meckert als ich. Bisher konnte ich mich nicht entscheiden, ob es eher Pech oder Glück für mich ist, dass er mich anruft, wenn er granteln will. Eins ist aber klar: Pech für euch. Jetzt drückt auf Play.