Gejammer auf hohem Niveau

Liebes Deutschland,

zwei Dinge vorweg: Ich wusste nicht genau, an wen ich diesen Text richten soll. Es ist eine Art Beschwerde an die Politik, die Gesellschaft, die Medien und meine persönlichen Umstände. Das alles unter “Deutschland” zusammenzufassen schien mir irgendwie passend. Und auch wenn ich hier jetzt ein bisschen mecker, bin ich doch froh, dass ich hier lebe und nicht in… Burkina Faso. Oder so.

Also.

Liebes Deutschland, du machst mir mein Leben echt verdammt schwer. Es fing schon vor etwas mehr als zehn Jahren an, als meine Grundschullehrerin (Hallo Frau Hermann!) meinte, ich sei zwar von den Noten her schon für das Gymnasium geeignet, solle aber wegen meiner familiären Umstände lieber auf die Realschule, besser vielleicht noch auf die Hauptschule gehen. Diese “familiären Umstände” sind recht einfach zu erklären: Meine Eltern kamen 1973 als Gastarbeiter nach Deutschland, sprich ich bin eine Bürgerin mit Migrationshintergrund. Mir fehle, so Frau Hermann, der nötige Rückhalt im Elternhaus. Interessant, dass ich mich trotz des vermeintlich fehlenden Rückhalts irgendwie zum Abitur durchgerackert habe. Es war auch kein schlechtes Abitur, es steht eine eins vorm Komma und eine drei dahinter.

Nun studiere ich, man braucht ja Akademiker und Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt, und, um ehrlich zu sein mag ich Bildung auch. Ich bin wissbegierig, lerne gerne neue Dinge und verfolge das Tagesgeschehen. Der Haken an der Sache ist, dass mein Studienfach leider nicht besonders gefragt ist. Weißt du, Deutschland, ich studiere Politikwissenschaft und Geschichte. Ich habe mich für das entschieden, was mich interessiert, wofür ich eine gewisse Leidenschaft empfinde, und nicht für das, womit ich später mal ordentlich Kohle machen werde.

Hier kommen wir auch schon zum nächsten Problem: Ich hetze durch die Module, jage ECTS-Punkte und kämpfe mit der Flut an Referaten, Hausarbeiten, Klausuren und der Fülle an Texten, die man lesen muss. Für mein Studium wende ich in einer durchschnittlichen Woche mindestens 40 Stunden auf. Es ist ein Vollzeitjob. Leider bringt er mir zur Zeit kein Geld, also muss ich nebenbei noch arbeiten. Blöd nur, dass ich in München wohne und meine Lebenshaltungskosten die Einnahmen meines 400€-Jobs weit übersteigen. Mutter und Vater überlassen mir das Kindergeld, den Rest finanziere ich mir mit einem Studienkredit (und hoffentlich auch bald Bafög). Kurz gesagt: Es ist verdammt schwer, sich allein ein Studium zu finanzieren.

Nun bin ich aber mit Migrationshintergrund und Nicht-Akadamikerhaushalt nicht genug geplagt, nein, nein. Laut diverser Fachärzte habe ich eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung. Ich schlucke brav meine Tabletten, ein Antidepressivum und ein Antipsychotikum, damit ich trotz Panikattacken, depressiven Phasen und meinem üblichen Psychoblabla studieren kann. Aber, liebes Deutschland, es ist so, dass es eine Anwesenheitspflicht gibt, in so einem Bachelorstudium. Wenn man in einem Seminar zwei Mal fehlt, dann darf man das betreffende Modul im nächsten Semester noch mal belegen. Meinen Panikattacken ist das herzlich egal. Die Stimme im Hinterkopf, die aber mit Nachdruck irgendwas vom Arbeitsmarkt faselt, wird genau dann noch etwas lauter. “Wie willst du dein Studium denn dann in der Regelstudienzeit schaffen? Du bist jetzt schon 21 und hast in deinem Leben noch nichts geschafft.” Und so setzt sich die Abwärtsspirale munter fort.

Liebes Deutschland, man spricht mittlerweile offen über psychische Erkrankungen. Depressionen sind als Volkskrankheit anerkannt, die Prävention von Burn Out scheint vielerorts recht weit oben auf der Tagesordnung zu stehen. Aber was wird denn effektiv getan?

Liebes Deutschland, ich gebe mir Mühe. Ich möchte beweisen, dass ich trotz und gerade wegen meines Migrationshintergrunds etwas leisten kann. Dass ich ein Studium abschließen kann, obwohl meine Eltern “nur” Angestellte sind/waren. Dass eine psychische Erkrankung etwas ist, womit man leben kann, womit man sogar gut leben kann, dass es Hoffnung gibt für Menschen, die wie ich manchmal finden, dass sie zu schlecht sind für diese Welt und ein Leben gar nicht verdient haben. Ich versuche zu kämpfen.

Aber langsam, im dritten Semester meines Studiums, stoße ich an meine Grenzen. Dieser Text ändert nichts an meiner Lage, das ist klar, aber vielleicht liest ihn ja jemand, der etwas ändern kann.

Jetzt entschuldige mich, liebes Deutschland, ich muss noch ein bisschen was für die Uni lesen.

Advertisements

11 Gedanken zu „Gejammer auf hohem Niveau

  1. Pingback: “Ich würde ja gerne Rücksicht nehmen, aber…” | katikuerschmeckert

  2. Kann ich dich mal bitte kurz umarmen? In diesem Block spiegelt sich so meine Meinung wieder! Jeder einzelner Artikel macht, dass ich mit Schokolade vor deiner Tür stehen will :D
    Bitte schreib weiter, denn so Köpfe wie dich braucht man hier und ich bin mir ziemlich sicher, dass du es schaffst :-)!!

    Grüße von einer anderen jungen Frau mit Migrationshintergrund

  3. Hallo Kati!
    Interessante Mischung, was du da schreibst… in manchen Punkten gebe ich dir völlig recht, andere verwundern mich…
    am traurigsten finde ich gleich den ersten Absatz. Einer Bekannten von mir mit dem sogenannten Migrationshintergrund ging es ähnlich. Ihre Lieblingslehrerin riet den Eltern dringend trotz guter Noten vom Gymnasium ab. Anfangs Argumente, sie seien nicht gut genug, dann diverse andere, es wurde hitziger und am Ende sagte die Lehrerin „Deutschland braucht auch eine Arbeiterschicht.“ Das macht einen nur noch sprachlos.
    Im späteren Bereich gebe ich dir Recht, dass die Unterstützung für psychisch kranke im Studium definitiv besser sein könnte. Es fehlt bei vielen einfach komplett das Verständnis dafür. Hast du das irgendwie schriftlich vom Psychiater/Psychotherapeuten? Bei vielen Unis gibts dann ne gewisse Unterstützung – aber leider nicht bei allen. Und außerdem bedeutet das dann, dass man es allgemein bekanntgibt, was man ja nicht immer will…
    Was mich verwundert hat: Gegen Ende ist mir nicht wirklich klar, was dein Migrationshintergrund dafür kann, dass du gerade kämpfen musst. Ich hatte eher das Gefühl, die Erkrankung und mangelndes Geld seien die Gründe.
    Am meisten hat mich der Absatz mit der Politikwissenschaft verwundert. Wenn du etwas studierst, was deiner Meinung nach nicht so auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist, ist das deine Entscheidung und dein Risiko. Das ist gut und mutig, aber du darfst dann nicht die Gesellschaft dafür anprangern, dass sie dir da nicht mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stellt. Und wenn du gut bist, kriegst du sicher einen Arbeitsplatz.
    Insgesamt ein sehr interessanter Artikel (besonders mit dem erschreckenden Anfang) und du hast recht: Es muss sich viel verändern.
    Ein Studium mit einer emotional-instabilen PS ist eine Riesen-Herausforderung – zumindest tut jeder, den ich mit diesen Symptomen kenne, heftigst mit seinem Studium kämpfen – daher wünsche ich dir alles gute fürs Studium und die Genesung. Viel Glück!

  4. Ein Studium ist nie einfach, insbesondere nicht für Leute mit einer psychischen Erkrankung. Darf ich fragen, was für einen 400 € Job du hast?

    Es gibt heutzutage Gott sei Dank einige Möglichkeiten, sich die Studienzeit doch ein wenig angenehmer zu gestalten. Die Klausurphasen bleiben echte Bewährungsproben, aber damit muss man sich abfinden. Folgende zwei Aspekte fallen mir für dich ein:

    1) Wie wäre es mit einem Werkstudenten-Job? Gerade in München dürften sich da einige freie Stellen finden lassen. Die Bezahlung liegt schon bei einer Stelle mit 15 Stunden die Woche deutlich über 400 € (effektiv bleiben nach Abzug der Steuern deutlich über 500 € übrig) und oftmals können die Arbeitszeiten flexibler eingeteilt werden.

    2) Hast du schon einmal über einen Standortwechsel nachgedacht? München ist ein teures Pflaster und darüber hinaus fallen in Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern nicht gerade wenig Semestergebühren an. Ich weiß nicht, wie es in deinem Studiengang genau aussieht, aber vermutlich ist die Auswahl verschiedener Unis im ganzen Land nicht so einfach wie z.B. in den Wirtschaftswissenschaften. Aber falls es doch eine Möglichkeit gibt, sollte man einen Umzug zumindest einmal in Betracht ziehen.

    • Ich bin Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis. Der Job macht mir Spaß, meine Chefin ist sehr verständnisvoll und ich bin recht flexibel, was die Arbeitszeiten angeht. Mehr als 10 Stunden die Woche kann ich nicht arbeiten, insofern wäre ein Werkstudentenjob nicht das Richtige für mich.
      Klar ist München ein teures Pflaster, allerdings habe ich hier mein gesamtes soziales Netzwerk. Freunde, Familie, Arbeit. Ich finde mich langsam in der Uni zurecht. Mein Bafög-Bescheid ist vor Kurzem gekommen, was mich enorm entlastet. Die nächsten drei Semester werde ich schon irgendwie über die Bühne bringen, zumal ich nicht weiß, was ich mir an anderen Unis alles anrechnen lassen könnte und ob ich dann noch Anspruch auf Bafög hätte. Ich habe schon darüber nachgedacht, aber ich glaube es wäre eher kontraproduktiv, mich aus meinem sozialen Umfeld, welches für ein gewisses Maß an Stabilität sorgt, zu entfernen.
      Danke, dass du dir Gedanken darüber gemacht hast. Ich weiß das sehr zu schätzen.

  5. Liebe Kati,
    auch dieser Blogeintrag spricht mir aus der Seele. Dass ein Studium für jedermann/frau weniger stressig sein kann, indem das Finanzielle keine/eine geringere Rolle spielt, habe ich in meinem Austauschsemester in Dänemark erlebt. Die Studenten dort sind, unabhängig vom sozioökonomischen Status des Elternhauses, und trotz des gleichen Lern/Studienaufwands viel weniger gestresst als viele meiner KommilitonInnen (mich eingeschlossen), denn der Staat zahlt jeder/m ohne Bedarfsprüfung (also ohne bürokratischen Aufwand und Kämpfen) eine Art Bafoeg (sog. SU).

Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, bekommst du auch keine nette Antwort.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s