Lieber Herr Steinbrück

Lieber Herr Steinbrück,

ich mag Sie nicht. Das kann Ihnen prinzipiell egal sein – ist es wahrscheinlich auch – aber angeblich kommen Sie bei einer bestimmten Wählergruppe nicht gut an: Bei den jungen Frauen. Wie es der Zufall so will, bin ich eine eben solche und ich habe mir Gedanken gemacht, warum das so ist. Wissen Sie, Herr Steinbrück, ich mag Sie nicht, das habe ich schon gesagt, und ich glaube auch nicht, dass Sie ein besonders guter Kanzlerkandidat sind, aber ich hätte gerne einen Regierungswechsel.

Sie können Ihre Aussagen aus der Vergangenheit nicht zurücknehmen, aber Sie müssen auch verstehen, dass für den Durchschnittsbürger die Eurokrise etwas weiter weg ist als die Bedrohungen des Alltags. Welche das sind? Steigende Mieten, steigende Energiekosten, steigende Inflation, sinkende Reallöhne, drohender sozialer Abstieg. Ich bin Studentin, Herr Steinbrück. Meine Mutter ist Köchin und arbeitet 25 Stunden in der Woche. Mein Vater ist nun Rentner und war früher Servicemechaniker. Ein Dasein ohne finanzielle Sorgen kenne ich nicht. Mein Studium ist der größte Luxus in meinem Leben und ich finanziere mir diesen Luxus mit einer Kombination aus Kindergeld, Minijob, Studienkredit und hoffentlich auch bald Bafög. Wenn ich höre, dass Sie für einen Vortrag 25.000€ bekommen haben, rechne ich aus wie lange ich davon meine Miete zahlen könnte (51 Monate – man sollte anmerken, dass ich in München wohne). Verstehen Sie das, Herr Steinbrück? Verstehen Sie, welche Wirkung Sie auf jemanden wie mich haben? Sie sind ein privilegierter Mann aus guten Verhältnissen. Das ist schön für Sie. Manche haben mehr Glück als andere. Sie können Ihre Herkunft ebenso wenig ändern wie ich meine, aber Sie können was an Ihrem Auftreten ändern. Sie sind ein intelligenter Mann, das steht außer Frage; ich frage mich aber, wie es um Ihre Empathie bestellt ist. Fühlen Sie sich in jemanden rein, der 40 Stunden in der Woche arbeitet und trotzdem aufstocken muss. Fühlen Sie sich in jemanden rein, der einmal die Woche beschämt ansteht, um seinen Kühlschrank mit Hilfe der Tafel zu füllen. Fühlen Sie sich in jemanden rein, der am Existenzminimum rumdümpelt.

Herr Steinbrück, lassen Sie mich nochmal auf diese Sache mit “Sie sind ein privilegierter Mann aus guten Verhältnissen” zurückkommen. Gerade deswegen sollten Sie mit Aussagen bezüglich des Geschlechts von Frau Merkel vorsichtig sein. Ich bin weiß Gott kein Fan dieser Frau, aber ich bin mir sicher, dass ihr zweites X-Chromosom kein Wettbewerbsvorteil ist. Wenn Sie sich benachteiligt sehen, weil Sie ein Mann sind, fühle ich mich als Frau ziemlich verarscht. Ihnen ist sicher bekannt, dass Frauen bei gleicher Qualifikation für die gleiche Tätigkeit weniger Geld verdienen als Männer, dass oftmals Frauen für die Kindererziehung zuständig sind und deswegen eher Abstriche im Berufsleben machen, was im Endeffekt auch zu niedrigeren Renten führt, was genauso ungerecht ist wie die Anzahl von Frauen in Führungsposiundsoweiterundsofort. Aber ich verstehe, dass Sie ein armer, ganz furchtbar diskriminierter Mann sind.

Nun gab es viel Kritik von meiner Seite, aber wenig davon war konstruktiv. Herr Steinbrück, tun Sie was für Ihre Glaubwürdigkeit. Ich möchte Ihnen glauben können, dass Ihre Rede beim Parteitag nicht nur aus einer Reihe von Lippenbekenntnissen bestand. Versuchen Sie bitte, mehr Verständnis für Gruppen aufzubringen, die Ihnen eher fern liegen: junge Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, bildungsferne Schichten. Ich werde Sie wahrscheinlich auch weiterhin nicht mögen, aber ich werde Sie – nein, eigentlich die SPD – trotzdem wählen und so hoffentlich zu einem Kabinett Steinbrück einen Beitrag leisten.

Mit freundlichen Grüßen,

eine junge Frau mit Migrationshintergrund

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