„Ich würde ja gerne Rücksicht nehmen, aber…“

„Sie haben nach Ende der Vorlesungszeit vier Wochen für die Hausarbeit. Das sollte absolut reichen.“ – „Herr Dozent, wie ist das denn, wenn man in dieser Zeit mehrere Hausarbeiten schreibt? Nehmen Sie Rücksicht darauf?“ – „Ich würde ja gerne Rücksicht nehmen, aber…“ Da habe ich aufgehört zuzuhören. 

Ich habe letzte Woche eine Klausur geschrieben und schreibe nächste Woche eine weitere, in der Woche darauf sogar drei. Seit zwei Wochen versuche ich mich mit pflanzlichen Mitteln und Sport (ich! Sport!) von meiner Prüfungsangst zu befreien. Entspannen kann ich mich nicht, weil ich die Zeit ja für etwas Sinnvolles nutzen könnte. Der Selbstoptimierungszwang beherrscht meinen Alltag. Vor einiger Zeit habe ich schon mal darüber gejammert, dass es schwierig ist heutzutage zu studieren und nebenbei auch irgendwie seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nun rücken die Prüfungen immer näher und genau das wird immer deutlicher. Gestern hatte ich ein ausführliches Gespräch mit einem meiner Dozenten. Er sagte klipp und klar, dass bei vielen seiner Kollegen noch nicht angekommen ist, dass die Studierenden von heute nicht mehr zum Großteil aus dem Bildungsbürgertum kommen, dass ihnen das universitäre Umfeld fremd ist, weil sie die ersten Akademiker in ihrer Familie sind. Dass eben jene Studenten vor allem Jongleure sind, die irgendwie Arbeit, Uni und Sozialleben in der Luft halten müssen, ist diesen Dozenten mit ihrem bildungsbürgerlichen Dünkel fremd.

Die letzten Jahre mit den geburtenstarken Jahrgängen, von denen in manchen Bundesländern gleich zwei auf einmal Abitur gemacht haben, haben rekordverdächtig viele Studenten an die Hochschulen gespült. Die gute Nachricht: Das Bildungssystem öffnet sich. Es machen immer mehr Mädchen Abitur und auch ein Migrationshintergrund heißt im Jahr 2013 nicht automatisch, dass man als Verlierer aus dem Bildungssystem rausgeht. Die schlechte Nachricht: Die Köpfe öffnen sich nicht. Möglicherweise liegt es auch nur an meiner Elite-Uni mit ihrem Elite-Historicum, welche beide viel von ihren Studenten verlangen. Bloß werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht nur in München so ist. Dass immer mehr Studenten, unabhängig von Herkunft und Studienrichtung, von massiven Zukunftsängsten geplagt sind, dass sie täglich in psychiatrischen Praxen anrufen und auf Termine warten. Dass sie immer mehr Pillen schlucken, einfach nur um klarzukommen. Und dass ihnen diejenigen, die ihnen helfen könnten, nicht die Hand reichen, man könnte sie sich ja am Arbeiterkind schmutzig machen.

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13 Gedanken zu „„Ich würde ja gerne Rücksicht nehmen, aber…“

  1. Ich muss Cebulla zustimmen. Den Studenten wurde vieles erleichtert seit der von dir angesprochenen Zeit des Bildungsbürgertums, ich denke da an Internet, erhöhte Beihilfen, Studentenvertretung…
    Ich persönlich stelle mir stets die Frage: kann ich es ändern? Wenn nein, dann arrangiere ich mich damit, jammere aber nicht herum. Was meinst du, wie die Arbeitwelt ausschaut? Wirst du dort auch über Chefs jammern, die deinen Abgabetermin nicht verschieben?

    • Mit Verlaub, die Arbeitswelt sieht anders aus. Dort habe ich einen Chef, der genau weiß, welche Projekte gerade anstehen, und nicht sieben verschiedene Dozenten, die alle ihre Veranstaltung für meinen einzigen Lebensinhalt halten. Mit meiner Arbeit verdiene ich später meinen Lebensunterhalt; jetzt muss ich das nebenbei machen. Man muss auch bedenken, dass der Anteil der Studierenden sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts massiv erhöht hat. Nicht alle Studierenden können sich ein Studium einfach so mal eben leisten. Ich kann nichts dafür, dass ich in eine Familie geboren wurde, in der das nicht der Fall ist. Ich kann nichts dafür, dass mir das universitäre Umfeld fremd ist. Ich kann nichts dafür, dass ich eine psychische Erkrankung habe, welche mir den Alltag inkl. Studium erschwert. Aber ich kämpfe. Und vor allem will ich auf Missstände aufmerksam machen. Dass die Zustände verbesserungswürdig sind, ist seitens aller beteiligten Parteien – Studierende, Hochschulen, Dozenten, Beratungsstellen – zu hören.

      • Mit Verlaub, in den meisten Jobs wirst du mit unerwarteten Herausforderungen zu kämpfen haben müssen. Dort kannst du dann nicht einfach „aufhören zuzuhören“ (ich gestehe dir mal zu, dass dies eine literarische Übertreibung war, deswegen in Gänsefüßchen). Falls es in deiner Uni so ist, dass Knall auf Fall, total überraschend Hausarbeiten regnen, die dann innerhalb von 4 Wochen zu erledigen sind (was darauf hinweist, dass es sich um eine umfangreiche Hausarbeit handelt, die dann hoffentlich nicht urplötzlich als kursrelevant erachtet werden muss) und das auch noch in 4 Fächern – dann tut mir das echt leid für dich und aus mir spricht die verwöhnte Studentin, die weiß, welche Arbeiten voraussichtlich zu machen sind.

        Deine Ausrede – universitäres Umfeld fremd – naja, irgendwann macht man immer was zum ersten Mal; es gibt Infoveranstaltungen, Schnuppertage blablabla. Ich war vorher auch nur auf einem Gymnasium ;)

        Das Problemfeld Finanzen – Uni kenne ich selbst, bin aber der Meinung, dass es nicht schadet, neben der Uni zu arbeiten :D Ne, im Ernst, dann hackelt man halt während der Ferien…aber wirst du eh alles kennen, ist jetzt auch net Kernpunkt, oder?

        Zu deiner psychischen Erkrankung sag ich mal nichts, außer dass es mir leid tut.

        Last point: auf Missstände aufmerksam machen ist sehr lobenswert – sofern es nicht mit einer die-Welt-ist-so-gemein-zu-mir-Attitüde geschieht. Beim Lesen hats so auf mich gewirkt, siehs nicht gleich als persönlichen Angriff ;)

      • Es regnet nicht plötzlich Hausarbeiten, aber ich finde es heftig, dass man – eben weil man ja nicht nur ein Seminar im Semester belegt – parallel drei Stück innerhalb von vier Wochen schreiben soll, zumal ja auch während des Semesters Prüfungsleistungen erbracht werden. Am Ende der Vorlesungszeit steht der Klausurmarathon an, der in mir schon Wochen vorher Grauen auslöst.
        Dass mir das universitäre Umfeld fremd ist, ist keine Ausrede, sondern Fakt. Kein Schnuppertag bereitet dich darauf vor, wie du dich im Studium zu verhalten hast, wie du dich ausdrücken musst. Sorry, meine Mutter ist Köchin und mein Vater Mechaniker, da gab es am Esstisch keine philosophischen Diskussionen.
        Ich arbeite während des Semesters und habe dann im Endeffekt eine 60-Stunden-Woche. Schön, dass du dein Studentenleben genießen kannst. Ich kann es nicht. Und wie ich mich ausdrücke ist immer noch meine Sache.

        Let’s agree to disagree.

  2. Falls du mir noch einen letzten Kommentar durchgehen lässt: Klausurmarathon und Arbeitenhäufung find ich jetzt nicht so abnormal für ein Studium, dass ich mich drüber aufregen würde. Natürlich ist es nicht toll, aber tja, ich will ja schließlich den Abschluss.

    Verhalten, Ausdrücken…ich wollte es vermeiden, wie du mein persönliches Umfeld miteinzubeziehen und die Diskussion möglichst (mir ist klar, dass jeder durch seine Erfahrungen geprägt ist, aber at least a try) aber da du ja drauf rumreitest: meine Eltern arbeiteten als Lagerarbeiter und Verkäuferin. Deswegen fühle ich mich jetzt nicht unsicher…man findet Freunde, lernt, meldet sich für dies und das an..natürlich spielt da Eigenverantwortung eine große Rolle, doch das ist doch nicht zuviel verlangt?
    Philosophische Diskussionen kann ich auch führen, ohne es mit meinen Eltern geübt zu haben.

    Ich arbeite ebenfalls während des Semesters, versteh mich nicht falsch ;) doch, wie gesagt, muss das jetzt zum Thema werden, wer wie viel arbeitet und wer das ärmere Hascherl ist?

    Deinem letzten Punkt stimme ich vollkommen zu und da du dich anscheinend doch ein bisschen angegriffen fühlst: Entschuldigung, ich versuche hier wirklich, die Diskussion auf einer sachlichen Ebene zu belassen und auf deine sämtlichen Punkte einzugehen. Auch gebe ich zu, dass mir das nicht immer gelingt. Dann noch einen schönen Abend :-)

    • Mir geht es nicht darum, wer das ärmere Hascherl ist. Mir geht es darum, dass von allen Seiten Bildungsgerechtigkeit und eine „Bildungsrepublik“ gefordert wird, ohne auf die Bedürfnisse der Studenten einzugehen. Jeder Mensch ist halt anders, genau wie jede Uni und jeder Studiengang anders ist. Allein weil ich den Abschluss will, muss ich noch lange keine beschissenen Verhältnisse und eine Gefährdung meines psychischen Gleichgewichts (was die Prüfungshäufung nun mal für mich bedeutet) kommentarlos hinnehmen.

  3. Danke für diesen Blog-Eintrag! :) Besonders folgende Sätze sprechen mir aus der Seele und entsprechen auch meiner Wahrnehmung:“ Bloß werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht nur in München so ist. Dass immer mehr Studenten, unabhängig von Herkunft und Studienrichtung, von massiven Zukunftsängsten geplagt sind, dass sie täglich in psychiatrischen Praxen anrufen und auf Termine warten. Dass sie immer mehr Pillen schlucken, einfach nur um klarzukommen. Und dass ihnen diejenigen, die ihnen helfen könnten, nicht die Hand reichen, man könnte sie sich ja am Arbeiterkind schmutzig machen.“

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