Kein Mensch ist illegal, auch nicht, wenn er eine Frau ist

EDIT: Sicherheitshalber an dieser Stelle eine Triggerwarnung. TRIGGERWARNUNG!

Juni 2004. 

Ich bin 13 Jahre alt und auf dem Weg zu meiner Orthopädin. Rückenschmerzen. Meine Wirbelsäule ist überlastet. Ob das C-Körbchen, das ich vor mir hertrage und welches für mein Alter ungewöhnlich ist, eine Mitschuld trägt, ist unklar. Am Leonrodplatz warte ich auf die Tram. Die Kopfhörer in meinen Ohren tragen Botschaften selbstbewusster Frauen Richtung Gehörgang. An mir geht ein Mann vorbei. Kein Junge, ein Mann.

Er lächelt und seine Lippen formen Worte, die ich nicht höre. Ich schaue weiter geradeaus, auf die andere Straßenseite, und singe im Kopf mit. Plötzlich erscheint sein Gesicht vor mir und er redet wieder. Ich nehme die Kopfhörer raus und frage: „Bitte?“ Vielleicht will er ja nur nach dem Weg fragen. Er verwickelt mich in ein Gespräch, stellt Fragen. Ich möchte nicht mit ihm sprechen, aber er fragt immer forscher nach, kommt mir unangenehm nah. Es ist München, am helllichten Tag, es stehen Menschen um mich rum und niemand reagiert. Wir steigen gemeinsam in die Tram ein, er setzt sich gegenüber von mir hin und spricht weiter. Als ich aufstehe, möchte er mir seine Nummer geben. Ich erkläre, dass ich 13 bin und kein Interesse habe. Er wird blass und murmelt, er sei 21 und hätte keine Ahnung gehabt. Ich steige aus.

Juli 2008.
Mittlerweile bin ich 17 und auf dem Weg in die Fahrschule, Theorieunterricht. Ich habe keine Lust, die U-Bahn ist zu voll, Menschen pressen sich an mich. Einer von ihnen steht mir direkt gegenüber. Er stiert mich an, ich rieche seinen alkoholischen Atem, er presst sich immer weiter an mich und legt mir seine Hand auf den Hintern. Während er unverständliche Worte in einer fremden Sprache murmelt, meine ich seine Erektion gegen meinen Oberschenkel zu spüren. Er steigt eine Station vor mir aus, lässt mich aber nicht aus den Augen, bis meine Bahn losfährt. Später höre ich kein Wort des Fahrlehrers.

November 2009.
Ich war mit Freunden was trinken, im Sausalitos in Schwabing, mitten im Univiertel, dort, wo das Leben pulsiert. Nach dem zweiten Cocktail ist mein Geld alle und ich gehe nach Hause. Die Bahn hab ich verpasst, also gehe ich zu Fuß; immerhin besser als in der Kälte zu stehen. An der dritten Haltestelle holt mich die nächste Bahn ein. Ich steige zu. Samstagabend, sie ist ziemlich voll. Nach einer Haltestelle steige ich wieder aus. Überfüllte öffentliche Verkehrsmittel ertrage ich nicht mehr. Ein Mann steigt auch aus und geht in die gleiche Richtung. Die Straße ist hell erleuchtet und von beiden Seiten mit Wohnhäusern gesäumt. Er kommt mir immer näher, holt auf, will mich in ein Gespräch verwickeln. Ich habe Angst und gehe schneller. Er auch. Als ich mein Handy heraushole und einen Freund von mir anrufe, biegt der mich verfolgende Mann ab. Ich lege erst auf, nachdem ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen habe. In der Nacht mache ich kein Auge zu.

Dezember 2012.
Ein netter junger Mann, mit dem ich gelegentlich das Bett teile, sitzt mit mir im Bett. Wir schauen einen Film. Eine Szene dort triggert eine Erinnerung. Mir wird plötzlich schlecht und jede Berührung widert mich an, obwohl mir so viel an diesem Menschen liegt. Ich rutsche weg, will jeden Körperkontakt vermeiden. Er merkt das, fragt, ob alles okay sei, ich bejahe und hoffe, dass er seine Hand, die ich eigentlich gerne halte, von meinem Knie nimmt. Es hat nichts mit ihm zu tun, überhaupt nicht, und trotzdem würde ich ihn am liebsten bitten zu gehen. Nach einer Weile geht es wieder.

Januar 2013.
Indien ist seit knapp einem Monat durchgehend in den Schlagzeilen. Vergewaltigungen scheinen dort zum Alltag einer jeden Frau zu gehören. In Deutschland kommt nach Anschuldigungen gegenüber Rainer Brüderle eine Debatte über „Alltags-Sexismus“ ins Rollen. Sie ist bitter nötig. Eine Frau ist keine Vagina auf zwei Beinen. Eine Frau ist kein Objekt, kein Spielzeug. Eine Frau ist nichts, was man begaffen kann, wie man gerade lustig ist. Eine Frau ist an erster Stelle ein Mensch. Rein zufällig ein Mensch ohne Penis. Das macht sie nicht minderwertig. Ich kann nur hoffen, dass das irgendwann in den Köpfen der Menschen ankommt. Bis dahin meide ich auch weiterhin öffentliche Verkehrsmittel und dunkle Straßen. Mir wurde nämlich beigebracht, was ich tun soll, damit ich nicht vergewaltigt werde. Wann bringt man den Jungs und Männern bei, dass „Nein“ auch wirklich „Nein“ heißt und nicht „Bitte belästige mich weiter“?

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38 Gedanken zu „Kein Mensch ist illegal, auch nicht, wenn er eine Frau ist

  1. „Wann bringt man den Jungs und Männern bei, dass “Nein” auch wirklich “Nein” heißt und nicht “Bitte belästige mich weiter”?“

    Ein komisch-generalisierendes Schlusswort: Du erzählst von schlechten Erfahrungen mit Einzelnen, aber Jungs und Männer brauchen nicht erzogen werden, dass ein ‚Nein‘ auch ein ‚Nein‘ ist. Die Generalisierung, dass Männer Sexisten oder gar potentielle Vergewaltiger sind, ist schlichtweg genauso falsch wie unverschämt.

    • Das habe ich nie behauptet und nicht mal impliziert. Prinzipiell kannst du in meine Aussagen reininterpretieren, was immer du möchtest. Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird jedoch fast ausschließlich (99%) von Männern begangen. Das ist Fakt.

      • Ich frage mich auch regelmäßig, woher dieser Vorwurf wie er von Blackadder geäußert wurde, kommt. Er steht nirgendwo in deinem Text. Gewalt gegen Männer ist genauso falsch und auch darüber muss berichtet werden, das verbietet aber NICHT, dass man nicht darauf hinweisen darf, dass es eben auch Männer gibt, die Sexismen verbreiten. Und du schreibst nun mal aus der Perspektive einer Frau. @Blackadder, dann schreib doch mal auf, wo Männer diskriminiert werden – und nein, das ist nicht sarkastisch gemeint.

      • Dass es einzelne Männer gibt, die gegen Frauen und Männer Gewalt ausüben, ist klar. Mein Vorwurf an den Text ist ein Anderer: Männer, die vergewaltigen, sind eine Minderheit gegenüber den Männern, die integer leben. Das kommt aus dem Text und dem Schlusssatz nicht hervor. Es geht mir darum darauf hinzuweisen, das man aufpassen muss, einzelne Erfahrung nicht auf die Gruppe „Jungs und Männer“ zu generalisieren – wie es im folgenden Satz geschehen ist:

        Wann bringt man den Jungs und Männern bei, dass “Nein” auch wirklich “Nein” heißt und nicht “Bitte belästige mich weiter”?

        Ich verstehe, das Angst da ist und das einzelne Verbrecher mit einer Sexualstörung ein schlechtes Licht auf uns „Jungs und Männer“ werfen. Aber Frauen, die ich nachts in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an dunklen Straßen gesehen habe, sind nie zu Schaden gekommen – und ich bin nicht die Ausnahme. Wenn man als Mann den Text liest, ist der Ton ziemlich bitter.

      • Es geht nicht nur um Gewalt. Es geht um den Umgang mit Frauen. Ich vermute, dass du nicht weißt, wie es sich anfühlt, wenn du von schmierigen Männern mittleren Alters lasziv gemustert wirst. Wie es sich anfühlt, wenn du „nein, danke, ich möchte kein Getränk von Ihnen“ sagst und zu hören bekommst, du sollest dich doch nicht so zieren. Wie es sich anfühlt, wenn du nachts nach Hause gehst und allein deswegen dein Herz pocht. Weil du weißt, dass dir was passieren könnte, weil du in ständiger Angst lebst. DARUM geht es. Woher kommt diese Angst? Sie kommt daher, dass Mädchen ständig erzählt wird, dass sie nicht sicher sind. Es tut mir unheimlich leid, wenn der Ton für dich als Mann bitter ist, aber ein Leben mit dieser Angst ist noch um einiges bitterer.

      • Aber es gibt doch auch Männer, die Frauen sehr gut behandeln.

        Würdest du dann sagen, dass es eine erlernte Angststörung und Sache einer zu sexuellen Interpretation des Alltags ist? Also etwas, das dir „mitgegeben“ wurde und nicht auf Erfahrungen beruht. Es gibt immer Menschen, die sich nicht so verhalten, wie man es will und zum Beispiel zu fordernd oder zu aufdringlich sind.

        (Wenn ich in der Straßenbahn sitze und mich eine Frau anschaut bzw. „mustert“, schwingt für mich nichts Sexuelles dabei mit. Ich denke eher, dass mein Schal nicht sitzt oder ich irgendwo dreckig bin. Es hat nicht immer alles mit Sex zu tun…):

        Was kann ich als einzelner Mann dafür, dass dir die Angst mitgegeben wurde? Kann man sich als Mann so verhalten, dass es für dich angenehm ist, oder schwingt immer so etwas mit wie „der will doch bestimmt nur Sex!“

    • Ein paar Zahlen zu sexueller Gewalt:

      60 % aller Frauen in Deutschland haben schon ein mal sexuelle Belästigung oder Gewalt erlebt. Jede siebte Frau im strafrechtlich relevanten Rahmen. Davon werden lediglich 5 % zur Anzeige gebracht und von diesen 5 % nur 13 % gerichtlich behandelt.

      (Quelle: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/mythentatsachenzahlen-188.html)

      Alle bringen Frauen bei, was sie zu tun haben, um nicht vergewaltigt zu werden. Kaum jemand bringt Jungen und Männern bei, dass gewisse Dinge einfach nicht okay sind (um es mal euphemistisch auszudrücken).

      Natürlich ist nicht jeder Mann ein Vergwaltiger. Die Statistik und vor allem weibliche Lebensrealität bezeugen aber, dass wenn sexuelle Gewalt stattfindet, in 99 % der Fälle Männer die Täter sind.

      Am Rande: Sexis_tin zu sein ist nicht lobenswert, macht einen Menschen aber nicht zu einer:m Vergewaltiger_in.

    • Wieso sollte es eine erlernte Angst sein, wenn mir all diese Dinge schon passiert sind? Natürlich kann man sich mir als Mann nähern, ohne dass es mir unangenehm wird. Kerl kann das normalerweise, wenn ich gerade nicht aus anderen Gründen am Ausflippen bin, sehr gut. Der Großteil meines Freundeskreises ist männlich. Ich finde es unverschämt, dass du mir die Kompetenz absprichst zu beurteilen, ob ich (ICH!) mich sexuell belästigt fühle (FÜHLE!). Und mal ernsthaft: In eine Erektion, nachdem man mich begrapscht hat, kann ich nur wenig nicht-sexuelles reininterpretieren.

      Ich möchte dich an dieser Stelle bitten, meinen Blog nicht mehr zu lesen und auch nicht mehr zu kommentieren. Ich bin jederzeit für einen Meinungsaustausch offen, aber deine Aussagen reichen mir.

      • Deine mir auch. Schöne Grüße an @BruesteKuersch und deinen anderen sexuellen Aufdringlichkeiten! Das sind immer die Richtigen, die sich echauffieren.

      • Im Internet musst du dir meine „sexuellen Aufdringlichkeiten“ nicht antun. Das sieht in einer voll besetzten U-Bahn ganz anders aus. Hier habe ich die Wahl, was ich von mir preisgebe; wenn man mich gegen meinen Willen anfasst, habe ich keine Wahl. Das ist der Unterschied.

    • Manche wissen es von selbst, manche werden richtig erzogen und manchen wird es weder beigebracht, noch wissen sie es von selbst.
      Fakt ist, dass JEDEM jungen Menschen beigebracht werden sollte, dass „Nein“ auch wirklich „Nein“ bedeutet. Deswegen ist es meiner Meinung nach nicht einmal so unangebracht zu „generalisieren“.

  2. Pingback: Reden hilft – Alltagssexismus | Leben im 21. Jahrhundert

  3. . Wann bringt man den Jungs und Männern bei, dass “Nein” auch wirklich “Nein” heißt und nicht “Bitte belästige mich weiter”?

    Ist eine Generalisierung und nichts anderes. Dumme Phrasendrescherei, mehr kann man auch den Kommentaren nicht hier leider nicht entnehmen.

  4. Also ein Typ, der sich beim Alter vertut, ein Besoffener, von dem du vielleicht die Erektion gespürt hast und der dir eine Hand auf den Hintern gelegt hat, ein Typ, der mit dir ins Gespräch kommen will und einer bei dem du aus Gründen, die nichts mit ihm zu tun hast Angst bekommst.

    Finde ich etwas wenig um daraus nun zu folgern, dass Männer nicht wissen, dass sie dich nicht belästigen sollen. Immerhin hat der ganz überwiegende Teil der Männer dich nie belästigt.

    • Es sind nur einige Beispiele, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind. Der eine hat sich im Alter vertan, okay, aber ich hatte offensichtlich kein Interesse an einem Gespräch mit ihm. Dennoch hat er mich nicht in Ruhe gelassen.
      Alkoholisiert sein ist keine Entschuldigung für Gegrapsche. Er hat mir die Hand nicht nur auf den Hintern gelegt, sondern auch zugedrückt. Das geht alles zu weit. Egal, wie viel er getrunken hat.
      Wenn ich nachts alleine unterwegs bin und offensichtlich Angst habe, möchte ich nicht von jemandem angesprochen und schon gar nicht verfolgt werden.
      Die Geschichte mit dem Mann, der mir viel bedeutet, sollte nur verdeutlichen, wie sich all diese Erlebnisse, die geschilderten, die verschwiegenen und die verdrängten, auf mein Empfinden ausgewirkt haben.
      Das ist kein Einzelfall. Das passiert jeden Tag. In jeder Stadt. Vielen Frauen.

  5. Re Dez 2012 – wenn Dir wirklich an dem jungen Mann lag, warum hast Du auf seine Frage, ob alles ok sei, ihn im unklaren gelassen? Warum hast Du ihm nicht deine Gefühle mitgeteilt? Es war doch wirklich nicht „alles ok“. Warum soll er denn seine Hand wegnehmen, wenn kein Anlass (alles ok) dafür besteht. Männer sind eher direkte Wesen, die Zwischentöne nicht wahrnehmen können. Konkrete Aussagen sind da hilfreicher und zielführender.

    • In der Situation hatte ich keine Worte dafür. Gefühle zu verbalisieren fällt mir sehr schwer. Mittlerweile weiß er, was los war. Er ist nicht auf den Kopf gefallen und hat es ja da schon bemerkt.

  6. Liebe Männer*,
    auch wenn ihr es noch so oft abstreitet: Street-Harassment ist ein Problem von Frauen*, verursacht von Männern*. Wenn ihr nicht mit denjenigen unter euch in Verbindung gebracht werden wollt, die Grenzen von Frauen* missachten, dann solltet ihr das nicht an der Überbringerin der Botschaft auslassen, sonderen eben an diesen Männern*, die die Grenzen von Frauen* missachten. Da es euch aber in der Regel egal ist, ihr es nicht bemerkt, oder runterspielt, nicht glaubt, ablenkt, heimlich oder sogar offen bewundert, wenn Männer* Frauen* belästigen, wenn Frauen* zu Objekten gemacht werden, wie hier im Kommentarbereich bereits eindrucksvoll bewiesen, müsst ihr wohl damit leben, dass Frauen* generalisieren. Tough luck. Hätte ich die Wahl als potentieller Belästiger gesehen zu werden, oder potentiell immer dann belästigt zu werden, wenn ich geschützte Räume verlasse, wäre mir der Generalverdacht deutlich lieber. Dieser Generalverdacht lässt sich übrigens bekämpfen; siehe z.B. hier: http://www.formschub.de/blog/?p=2399

    • guter Kommentar! ich bin entsetzt darüber, was eine Frau, die über ihre Erfahrungen berichtet, sich hier von Männern anhören muss. Zuhören wäre hier das Zauberwort, anstatt nur Anzugreifen. Es ist letztlich eine Wiederholung des Geschehen auf anderer Ebene. Das tut mir leid :(
      Trotzdem oder gerade deswegen: Danke für deine offenen Schilderungen kati!

    • Naja, so einfach ist es nun aber nicht. Ich verzichte mal auf die Sternchen, da diese mich persönlich im Textfluss nerven (Und benutze aus diesem Grund das generische Maskulinum), ich hoffe mal, dass sich dadurch niemand angegriffen fühlt.
      Natürlich sind die von der Autorin geschilderten Situationen unangenehm. Ich würde ihr auch keinerlei Vorwürfe machen wie „Tja, hättest du dich mal anders verhalten“ oder „Naja, da hat sich jemand im Alter verschätzt“. Ich hatte auch beim Lesen dieses Textes (Außer vielleicht beim letzten Absatz, auf den ja oft genug angesprochen wurde) nicht den Eindruck, dass er mich als Mann besonders anspricht bzw. kritisiert.
      Ich persönlich mache mir wenige Gedanken darum, wie ich Frauen behandele. Dies mag jetzt viel negativer klingen als ich es meine – ich denke (!), dass ich mit Frauen nicht groß umgehe wie mit Männern. Natürlich kann ich das nicht garantieren, da ich nur meine Sichtweise kenne.
      Ich komme vom Land und bin daher (leider) nicht besonders häufig großen Menschenmengen ausgesetzt. Vielleicht liegt es hieran, dass ich bislang noch keine Belästigung mitbekommen habe (Davon, dass mein Aufmerksamkeitsspektrum leider nicht allzu groß ist und ich „abschalte“, wenn ich meine Musik aufhabe und im Bus sitze, mal ganz zu schweigen) – ich weiß auch nicht, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde, bin ich doch leider nicht allzu sportlich (Und musste mir unter anderem auch deswegen in der Schule von den Mädchen anhören, unmännlich zu sein) und wäre daher sicherlich im Zweikampf unterlegen.
      Klar bin ich beispielsweise gegen Nationalsozialismus, dennoch möchte ich nicht hören „Du bist Deutscher und hast deswegen eine besondere Verantwortung“. Dass ich die habe ist klar, aber ich finde nicht, dass jemand eine geringere Verantwortung hat, wenn er beispielsweise aus Frankreich kommt.
      Genauso stößt mir der oft herrschende pauschalisierte Unterton, dass im Sexismus Frauen die Opfer und Männer die Täter seien.
      Das, was in dem von dir verlinktem Artikel als Antwort verlinkt ist, nämlich „Wegen mir musst du nicht die Straßenseite wechseln. Du kannst mir auch gern unbekannterweise Hallo sagen, solange es ohne lüsternen Unterton kommt.“,
      mache ich schon immer so, und zwar ohne mir besondere Gedanken darüber gemacht zu haben. (Ich wurde schon mehrmals gefragt, wieso ich so oft zu unbekannten Leuten „hallo“ sage ;) ).
      Natürlich ist Sexismus etwas, das es zu bekämpfen gilt (Darüber, was Sexismus ist und was nicht, kann man sicherlich streiten, da das in meinen Augen eine sehr subjektive Sache ist, was für den Einen OK ist, ist für den Anderen eine Grenzüberschreitung), aber diese Pauschalisierung halte ich für falsch.

      Bis vor ein paar Wochen ging ich noch davon aus, dass „ich meine Sache ganz gut mache“ und ich mein Umfeld nicht groß anders behandele, als ich mir wünsche, behandelt zu werden, aber seit einer Weile bekomme ich nur noch zu lesen, dass ich als Mann ja sowieso nur ein potenzieller Vergewaltiger und natürlich auch ein Sexist bin..

  7. Wann bringt man den Jungs und Männern bei, dass “Nein” auch wirklich “Nein” heißt und nicht “Bitte belästige mich weiter”?

    Ich würde diesen Satz gerne verallgemeinern zu „Wann bringt man Menschen bei etc.“ – und erweitern um ein: und jenen, die sich belästigt fühlen, dieses „NEIN“ auch auszusprechen, anstatt zu hoffen, dass die Körpersprache ausreicht – wie leider gerade deine Beispiele sehr deutlich zeigen.

    Bitte nicht falsch verstehen, niemand hat das Recht, einen anderen einfach anzufassen, zu bedrängen oder gar zu vergewaltigen oder mit Gewalt (übrigens auch seelischer!) zu etwas zu zwingen. Das sind Übergriffe, die eigentlich im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein klar als grenzüberschreitend definiert sein müssten (es aber nicht sind).

    Mein Fazit aus dieser ganzen Diskussion: Genauso wichtig, wie den Respekt vor einem „Nein“ zu lehren ist es, das deutliche Aussprechen dieses „Neins“ beizubringen.

  8. Ich schreibe ja sehr selten, aber ich muss jetzt auch mal was los werden.
    Du liebe KatiKuersch/BrüsteKuersch stellst dich ditgital zur Schau, musst also auch digital damit rechnen angemacht zu werden. Eine „Stripperin“ kann sich auch nicht beschweren das sie in einem Strippclub angeglotzt wird.
    Das bedeutet natürlich noch lange nicht das du auch im analogen Leben angemacht werden darfst.

    Ich sehe hier ein globales kulturelles Problem, das nicht gelöst werden kann.

    ein Follower

    • Ich habe mich nie darüber beschwert, dass ich im Internet angemacht werde, weil ich wie bereits gesagt a) den Informationsfluss steuern kann – was ich über mich preisgebe, liegt in meiner Hand und b) habe ich hier mehr Möglichkeiten mich zur Wehr zu setzen als nachts um drei in einer dunklen Ecke. Ich glaube, dass ich das heute zum siebten Mal erkläre und verstehe nicht, was an diesen beiden simplen Sachverhalten so schwer ist. Genau wie eine Stripperin treffe ich hier eine bewusste Entscheidung. Punkt. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich irgendjemandem das Recht gebe, mich anzumachen.

      • Ich habe auch nie behauptet/gesagt/gemeint/gedacht das irgendjemand das Recht hat dich „analog“ anzumachen.
        Es ist ein Problem das du oder ich nie lösen werden.

  9. „Wann bringt man den Jungs und Männern bei, dass “Nein” auch wirklich “Nein” heißt und nicht “Bitte belästige mich weiter”?“ – Nach den von dir hier angebrachten Beispielen, kam dieser Abschluss für mich ehrlich gesagt äußerst überraschend. Warum? Na gehen wir die einzelnen Stationen doch mal durch:

    Juni 2004 – Jemand hat sich bezüglich deines Alters geirrt. Das kann durchaus schon mal vorkommen, gerade dann, wenn jemand seinen Altersgenossen schon etwas voraus ist. Du hast in deinem Leben sicherlich auch schon mal beim Schätzen des Alters eines Menschen daneben gelegen ;) Nachdem du den Jungen Mann über dein junges Alter aufgeklärt hattest, verschwand er ohne Murren und zwar auf der Stelle. Ganz offensichtlich hat diese sehr kurze Aussage von deiner Seite gereicht. Eine Belästigung kann ich hier nicht erkennen.

    Juli 2008 – Ein alkoholisierter Mann begrabscht dich in einer prall gefüllten U-Bahn. Warum hast du seine Hand nicht weggenommen, ihn zu Rede gestellt oder besser noch ihm direkt eine geknallt? Letzteres wäre meine Reaktion gewesen, hätte ich mich in deiner Situation befunden. Es gibt leider genug durchgeknallte Leute in unserer Gesellschaft, die meinen sich alles rausnehmen zu können. Dass das überwiegend Männer sind, ist eine bedauerliche Tatsache. Dennoch sollte man sich gerade in der Öffentlichkeit problemlos zur Wehr setzen können. Hätte der alkoholisierte Idiot nicht von dir abgelassen, nachdem du ihn zurecht gewiesen hast, so wären dir gewiss andere zur Hilfe gekommen.

    November 2009 – Hast du dem Mann, der dich in ein Gespräch verwickeln wollte, gesagt, dass du keinerlei Interesse hast? Das steht leider in dem Absatz nicht dabei. Es hört sich nach einer vermeintlichen Belästigung an, aber für mich bleibt die Frage bestehen, ob du der Person klipp und klar „Nein“ gesagt hast.

    Dezember 2012 – Du sagst deinem Freund, es seie alles okay und erwartest trotzdem, dass er sofort die Reaktion zeigt, die normalerweise auf ein „Es ist gar nichts okay“ folgt. Wie zuvor schon jemand erwähnt hat – wir Männer sind eher direkte Wesen. Natürlich merken wir, wenn etwas nicht stimmt, aber am Ende ist es immer besser, wenn man einfach mal sagt, was gerade in einem vorgeht. Tun wir ja schließlich auch nicht anders.

    Die aktuelle Diskussion würde genauso stattfinden, wenn Macht innerhalb unserer Gesellschaft anders verteilt wäre. Es geht hier nicht um Männer, die sich nicht beherrschen können, sondern um Leute mit Macht, die nicht an sich halten mögen. Ich glaube nicht, dass eine neuerliche Diskussion viel bringen wird, denn meiner Meinung nach, sind 99% der Männer nicht so drauf, wie die Personen, über die du hier berichtet hast. Männern, ganz verallgemeinert, wird durchaus beigebracht, was „Nein“ bedeutet. Da sich körperlich starke Männer jedoch oftmals überlegen fühlen und bei einem gewissen psychischen Knacks dazu neigen, grundlegende „Spielregeln“ zu missachten, ist es wichtig, dass Frauen dieses „Nein“ auch äußern und gerade den Schutz der Öffentlichkeit (z.B. in der U-Bahn) für sich in Anspruch nehmen. Ich würde jeder Zeit einschreiten, wenn eine Frau plötzlich los schreit und klar ist, dass sie zuvor von Person X belästigt wurde und diese Person auch weiterhin nicht von ihr ablässt. Es ist jedoch auch etwas naiv und unbeholfen, darauf zu hoffen, dass in einer Menschenmenge die Leute ohne jegliche Hinweise sehen, dass jemand belästigt wird. Und selbst wenn es ein einzelner sieht, so ist es fraglich, ob dieser jemand sofort einschreiten würde – wenn es eine ganze Gruppe von Menschen bemerkt, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher.

    • 2004 – Der Mann verschwand nicht ohne Murren, ich bin ausgestiegen. Ich muss es nochmal dazu sagen: Ich war 13. 13. DREIZEHN. Woher soll ich wissen wie ich mich verhalten soll, wenn diese Situation zum ersten Mal auftritt und mir nie etwas darüber beigebracht wurde?
      2008 – Das klingt immer so einfach. „Sag doch was“. „Mach auf dich aufmerksam“. „Schrei“. Ich war viel zu perplex, um etwas zu unternehmen. Das hat Kleinodyssee in ihrem Blog sehr gut beschrieben: http://kleinodyssee.wordpress.com/2013/01/25/so-ist-eben-die-grosstadt/
      2009 – Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht mehr. Ich kann aber erwarten – zumindest möchte ich es erwarten – dass absolut klar ist, dass ich nicht in ein Gespräch verwickelt werden will, wenn ich nachts alleine unterwegs bin und zudem immer schneller gehe, um jemanden hinter mir zu lassen. Dass ich das nicht verbal ausdrücke, heißt nicht, dass ich mein Einverständnis gebe, dass mir jemand hinterherläuft.
      2012 – Ich wollte mit diesem Beispiel nur zeigen, wie mich die vergangenen Erlebnisse beeinflusst haben. Mehr nicht.

      Es mag sein, dass 99% der Männer nicht so sind. Ich unterstelle keinem Mann, dass er ein Vergewaltiger ist. Dazu kenne und schätze ich genug Männer, bin mit ihnen befreundet, fühle mich bei ihnen sicher. Was aber scheiße ist? Diese Angst. Jeden Tag Angst zu haben, dass sowas nochmal passiert. Dass es eines Tages schlimmer wird. Dass es nicht bei vergleichsweise harmlosen Kommentaren bleibt. Dass ich nicht in der Öffentlichkeit von jemandem begrapscht werde, wo ich darauf aufmerksam machen und Hilfe suchen könnte, sondern dass das nachts in einer dunklen Ecke passiert, wo mich niemand hört.

      Stell dir bitte kurz ein Leben mit dieser Angst vor. Stell dir vor, du würdest dein Leben danach ausrichten, dass du möglichst nicht zu den Stoßzeiten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bist, weil du volle Busse nicht erträgst. Stell dir vor, dass diese Angst dein Leben beherrscht und manchmal so schlimm ist, dass du tagelang deine Wohnung nicht verlassen kannst. Das kommt sicher nicht nur von diesen (relativ) unspektakulären Ereignissen, sondern auch von meiner persönlichen Disposition, aber so oder so ist es schlicht und ergreifend scheiße.

  10. Ich finde es traurig und erschütternd, dass sich hier ein Mensch (ja, ich wählte extra den Ausdruck „Mensch“ statt „Frau“), für sein Empfinden und seine Ängste und wie er damit umgeht, rechtfertigen muss, wenn ich diese Kommentare lese. Ich für meinen Teil wurde selten, bis gar nicht belästigt. Nur weil ich diese Erfahrung nicht machen musste bedeutet das aber nicht, dass ich Erfahrungen anderer als übertrieben und verallgemeinernd wegwische. Wenn ein Mann diesen Text liest, sich nicht in solch einem Verhalten wiederfindet, dann mach dir eine Flasche Bier auf, lieber Mann, du hast es dir verdient. Aber tu nicht so als wärst du angegriffen worden. Solidarität in allen Ehren aber auch diese hat ihre Grenzen.

    Belästigung jeglicher Art ist ein subjektives Thema. Jeder hat eine andere Hemmschwelle. Und diese Hemmschwellen sollten berücksichtigt werden. Und ein jeder der sagt „Du hättest doch einfach „Nein!“ sagen sollen.“ oder „Hättest ihm halt einfach eine gewischt!“, hatte wohl noch nie in seinem Leben Angst und war von einer Situation überfordert. Ich finde es traurig, dass man hier Situationen die einen Menschen jahrelang offensichtlich belasten, kaputt diskutiert nur weil man meint man müsse die männliche Ehre verteidigen. Denn nach der Aktion #aufschrei bei Twitter und deren Aussagen sollte offensichtlich sein, dass solche Situationen offensichtlich zum Alltag vieler Frauen gehören. Ich hoffe ich komme nie in eine Situation in der ich mir danach anhören darf „Du hättest doch einfach Nein sagen können.“. Und ich hoffe für jeden der hier so große Sprüche klopft, dass auch die Frauen in seinem Umfeld nie in so eine Situation kommen.

  11. Debatten oder Aktionen gegen Sexismus können vielleicht die kleinen ungewollte sexuellen „Anspielungen“ zwischen Männer und Frauen verringern, jedoch hat sie keine Auswirkung auf all die Triebtäter, Vergewaltiger und sonstige Verbrecher.

    Die Wunschvorstellung als Frau oder als Mann (!) ohne eine Spur von Angst an einem verlassenen Bahnhof warten zu können ist daher höchst unrealistisch. Solange es Menschen gibt und geben wird, wird es auch immer Verbrechen geben.

    Die von dir beschriebenen Punkte zähle ich eher zu den schwer verhinderbaren. Verhinderbar wäre vielleicht ein hinterherpfeiffen oder sonstige Gesten oder dumme Sprüche.

  12. Pingback: Kein Mensch ist illegal, auch nicht, wenn er eine Frau ist « pseudodr

  13. Kleine frage aus interesse, mal abgesehen davon dass du 13 warst und der kerl 21, was hat dich denn so sehr an ihm gestört? Und warum findest du ist ihm ein vorwurf zu machen? Er hat jemanden angesprochen den er attraktiv fand,dessen alter er nicht kannte, welches ihn dann auch ziemlich überrascht hat und mehr weiß ich auch nicht. Du wußtest nicht wie du reagieren sollst und er anscheinend nicht dass du abgeneigt warst, blöde sache, aber das wars.

    • Ich wollte kein Gespräch mit ihm führen, was ich mit meiner Körpersprache und Mimik und meinem Verhalten allgemein deutlich gemacht habe. Ich fühlte mich belästigt. Punkt. Dafür muss ich mich nicht rechtfertigen.

  14. Mehr als die Geschichten, die Kati hier wiedergibt, erschrecken mich die Kommentare einiger Männer zum Blogeintrag. Ich kam beim Lesen des Eintrags nicht drauf, dass da irgendwie auch ein (verallgemeinerter) Vorwurf an mich impliziert war.
    Ich bin allerdings schon beim Lesen drüber gestolpert, dass Kati in dem folgenden Satz nicht einfach „Mann“, sondern „Mensch“ geschrieben hat: „Ich kann nur hoffen, dass das irgendwann in den Köpfen der Menschen ankommt.“ Das ist gerade nicht die Verallgemeinerung, die hier stellenweise moniert wird.

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