Burn, Baby, Burn

Es gibt Menschen im Internet, die wissen ein bisschen was über mich. Zum Beispiel, dass ich drei große Schwestern habe, die wesentlich älter sind als ich. Meine drei Schwestern haben auch schon Kinder. Meine beiden großen Neffen sind wirklich schon groß – sie dürfen wählen und Auto fahren und Steuern zahlen. Meine beiden kleinen Nichten sind mittelgroßklein und der Babyneffe lernt gerade, wie das mit dem aus-einem-Becher-trinken funktioniert. Ohne Schnabeltasse!

Wer mich noch ein bisschen besser kennt, weiß, wie sehr ich all die oben genannten Menschen liebe. Meine Nichten und der Babyneffe sind für mich wie meine eigenen Kinder. Ich versuche sie so oft wie möglich zu sehen und jedes „Teta Kata“ aus ihren kleinen, marmeladeverschmierten Mündern bringt mich zum Strahlen.

Aber.

Wenn man ein Kind liebt, gibt es nicht nur eitel Sonnenschein die ganze Zeit. Wenn sie sich das Knie aufschlagen, meint man den Schmerz selber zu spüren. Wenn sie krank sind, wacht man an ihrem Bett und würde alles dafür geben, dass sie wieder gesund sind. Das muss ich den Eltern, Tanten, Onkel, Brüdern und Schwestern hier wahrscheinlich gar nicht großartig erklären. Ihr kennt das.

Hoffentlich kennt ihr aber nicht die folgende Situation: Wenn die kleine Nichte, gerade mal sieben Jahre alt, beim bloßen Gedanken an Schule Bauchweh bekommt. Wenn sie mitten in der Nacht aufschreckt und ihr Federmäppchen packt, weil sie das am Abend vergessen hat. Wenn sie weint, weil sie etwas nicht versteht, egal wie man es ihr erklärt. Wenn sie am Freitagnachmittag, wenn sie von der Schule nach Hause kommt, zuerst ihre Hausaufgaben macht, weil sie sonst nicht ruhigen Gewissens das Wochenende genießen kann.

Ich mag dieses Bildungssystem nicht, das schon Kinder verheizt, das Druck aufbaut, das sich nicht an den Stärken und Schwächen eines einzelnen Kindes orientiert, sondern am Klassendurchschnitt, der unbedingt gehoben werden muss. Ich mag dieses Bildungssystem nicht, in dem man Kinder schon viel zu früh in Schubladen steckt, die über ihre gesamte Zukunft entscheiden. Ich mag dieses Bildungssystem nicht, das Eltern zu Nervenbündeln macht, wenn das Kind knapp unter dem Klassendurchschnitt liegt. Ich mag dieses Bildungssystem nicht, in dem Lehrer nicht auf die Kinder eingehen können, weil der Stoff ja durchgebracht werden muss. Ich mag dieses Bildungssystem einfach nicht.

Allein bin ich mit dieser Einstellung jedoch nicht. In der Bildungsrepublik Deutschland ist der einzige Weg nach oben eben Bildung. Besonders die Mittelschicht, die seit Jahrzehnten ein latentes Armutsrisiko mit sich rumschleppt, ist davon besessen, die Kinder möglichst gut abzusichern. Mantra: Gymnasium, Gymnasium, Gymnasium, das Himmelreich der Schulen. Das setzt die Kinder unter (unnötigen?) Druck und treibt die Eltern in den Wahnsinn. Muss das wirklich sein? Müssen wir wirklich an dem dreigliedrigen Schulsystem festhalten, welches sich ja so wunderbar bewährt hat, all diese Jahrzehnte, aber dafür immer mehr Kinder chronisch krank und depressiv macht? Sollen Kinder mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden, weil sie nicht in das vorgegebene Raster des Bildungssystems passen? Ist das der Preis, der für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gezahlt werden soll? IST DAS EUER ERNST?!

Vollpfosten. Jetzt entschuldigt mich, ich muss ins Bett. Ich bin morgen mit meiner Nichte zum Uno-Spielen verabredet. Es ist ja immerhin Wochenende.

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Ein Gedanke zu „Burn, Baby, Burn

  1. Fast keiner der Alten würde doch heutzutage den aktuellen Zustand, indem sich die Kinder Tag für Tag oftmals gegen ihren Willen zur Schule quälen müssen, ernsthaft hinterfragen. Dass der ständige Anwesenheitszwang und Leistungsdruck in den Köpfen junger Menschen sogar vielleicht weitaus mehr kaputt macht, als mit allem Wissen dieser Welt jemals wieder gerettet werden könnte, ist für die Alten offenbar uneinsichtlich..

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