Geht’s noch?

Ihr erinnert euch sicher an meinen Text von neulich. Den einen, in dem ich erzählt habe, was mir so passiert ist, wie ich von Männern angesprochen, belästigt, begrapscht wurde. Ich habe ein bisschen Zeit vergehen lassen und bin die Kommentare nochmal durchgegangen.

Danke für all die verständnisvollen Kommentare und den Zuspruch und ein fettes „Geht’s noch?“ an all diejenigen, die mir meine persönlichen Empfindungen absprechen.

„Der Typ hat sich in deinem Alter geirrt, das ist doch nicht schlimm!“ An sich nicht. Würde mich heute ein Typ Mitte 30 ansprechen, würde ich ihm wohl relativ schnell deutlich machen, dass er mir leider zu alt ist. Heute. Mit Anfang 20. Ich war damals aber 13. Dreizehn Jahre alt. Dreizehn. DREIZEHN. Versteht ihr das? Geht das in eure Spatzenhirne rein? Weder im Alter von 13 Jahren (rein gesetzlich betrachtet gilt man bis zum vollendeten 14. Lebensjahr als Kind; ob man älter aussieht, ist scheißegal) noch jetzt oder irgendwann möchte ich so bedrängt werden. Und dafür muss ich mich rechtfertigen? Tickt ihr noch ganz richtig?

„Wehr dich doch einfach!“ Oh, ja, großartig, die wunderbare Standardfloskel all jener, die sich anmaßen über eine solche Situation zu urteilen. Ich weiß, dass ich mich wehren soll. Ich wusste das auch damals. Was aber unterschätzt wird, ist der Schock in dieser Situation, die dadurch einsetzende Starre, das Gefühl der Hilflosigkeit. Ich war perplex. Ganz einfach. Dass man mir jetzt „Wehr dich doch einfach!“ vor den Latz knallt, ändert nichts daran, dass ich sexuell belästigt wurde, dass da ein Übergriff geschehen ist, der so alles andere als okay ist. Es impliziert sogar eine Mitschuld; es schwingt ein Schulterzucken mit den Worten „Naja, wenn du dich nicht wehrst, bist du selber schuld“ mit. Ich bin nicht Schuld daran, dass es Arschlöcher gibt, die Grenzen nicht respektieren.

„Du schmeißt alle Männer in einen Topf und das ist voll unfair und sexistisch!!!11einself“ Oh. Entschuldige bitte, dass du dich durch meine Erlebnisse angegriffen fühlst. Ich habe einige wenige Beispiele rausgesucht, die mir so passiert und besonders im Gedächtnis geblieben sind. Nicht alle Männer sind sexistische Arschlöcher und potenzielle Vergewaltiger, die Frauen als Objekte sehen, die je nach Lust und Laune benutzt werden können. Das weiß ich. Es tut mir leid, wenn ein anderer Eindruck entstanden ist. Ich finde Männer ziemlich großartig. Ich mag sie sogar so sehr, dass ich mit ihnen schlafe. Das ändert aber nichts daran, dass der Großteil sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen von Männern begangen wird. Laut der Kriminalstatistik des BKA wurden im Jahr 2011 ganze 6.484 Vergewaltigungen angezeigt. 99% der Verdächtigen waren Männer. Aber wenn ich darum bitte, dass Männern beigebracht wird „Yo, hört mal, es ist nicht okay, die sexuelle Selbstbestimmung anderer nicht zu achten“, reagiere ich überzogen? Ist das euer Ernst? Habt ihr sie noch alle?

„Der Großteil der Männer hat dich aber doch gar nicht belästigt! Warum regst du dich dann so auf? Das waren einzelne Männer, die dich belästigt haben!“ Oh wow, soll ich dafür dankbar sein, dass der Großteil der Männer mich einfach in Ruhe lässt? Sollte das nicht komplett selbstverständlich sein? Warum spricht man mir das Recht ab, mich darüber echauffieren zu dürfen, wenn mir Unrecht getan wurde? Laut zu werden? Darüber zu schreiben und zu zeigen: „Hey, mir ist das und das passiert, das ist scheiße, es hat mich nachhaltig beeinflusst, bitte denkt darüber nach, wie ihr mit anderen umgeht“? Was soll daran falsch und unangemessen sein? Ich verstehe es nicht. Wirklich nicht.

„Du stellst dich digital zur Schau! Du hast einen Twitteraccount für deine Brüste und regst dich dann über Sexismus auf, das ist doch voll unglaubwürdig!“ Absoluter Lieblingsvorwurf bisher. Wie oft seid ihr eigentlich bisher auf den Kopf gefallen? Lasst uns mal Klartext reden.

1. Wie ich mich verhalte, anziehe, präsentiere gibt niemandem das Recht, mich zu belästigen oder gar gegen meinen Willen zu begrabbeln. Du findest meinen Ausschnitt zu tief oder meinen Rock zu kurz? Fein. Deine Meinung. Das ist aber keine Aufforderung meinerseits, mich anzufassen.

2. Huhu, Schwachmaten, Kati Kuersch ist zu etwa 60% eine Kunstfigur. Es gibt genug Leute, die mich schon mal getroffen haben. Wisst ihr, was diese Leute über mich sagen? Die finden mich schüchtern. DIE KUERSCH IST SCHUECHTERN! Sie redet auch gar nicht so viel wie sie twittert und überhaupt ist sie eher ruhig und zurückgezogen und hm also irgendwie ganz anders als im Internet. RICHTIG! Weil ich im Internet nur das von mir zeige, was ich zeigen will, was mich direkt zu…

3. … bringt. Das Internet ist für mich ein geschützter Raum. Ich kann hier ausgewählte Aspekte von mir zeigen (oder auch nicht). Ich kann hier gezielt wählen, mit wem ich Kontakt habe, welche Informationen ich diesen Personen zur Verfügung stelle und vor allem kann ich Menschen, die mir zu nahe treten, einfach blocken. Ein Klick und sie sind weg. Tolle Sache. Klappt im echten Leben halt nicht so. Da kann ich kein Knöpfchen drücken und der Typ, der mir auf dem Heimweg nachts hinterherläuft, ist plötzlich weg. Versteht ihr das jetzt? Ist das klar?

4. Stellt euch vor: Ich mag mich nicht. Ich mag meine Brüste auch nicht. Ich mag vieles an mir nicht, aber ich habe in den letzten 21 Jahren einen Weg gefunden, damit irgendwie klarzukommen: Humor. Selbstironie. Mehr ist dieser Account nicht. Kein „Schaut, wie unfassbar geil ich bin“. Kein „Oooh, ich bin so scharf“. Nichts weiter als ein Gag. Kann man witzig finden, muss man aber nicht.

„Männer werden aber auch ganz schlimm diskriminiert!“ Ja. Werden sie. Ändert aber nichts daran, dass die Gesellschaft männlich dominiert ist und Frauen auch weiterhin bei gleicher Qualifikation für die gleiche Tätigkeit weniger Geh… ach ich hab keinen Bock mehr, immer das selbe zu schreiben. Die Debatte ist nicht überzogen, aber sie wird ins Lächerliche gezogen, indem – von allen Seiten – Kleinigkeiten aufgebauscht werden, die dem Thema seine Bedeutung nehmen. Das ist schade.

Jetzt entschuldigt mich, ich muss Voodoo-Puppen basteln.

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4 Gedanken zu „Geht’s noch?

  1. Diese an sich wichtige Debatte wird durch dir aber leider auch ins Lächerliche gezogen, indem du verzweifelt versuchst damit auf dich und dein (angebliches) Schicksal zur Schau stellst. Dabei setzt du deine Meinung als die einzig richtige an, lässt keine andere zu.
    Toleranz geht anders

    • Dass du mit Formulierungen wie „…indem du verzweifelt versuchst auf dich und dein (angebliches) Schicksal…“ Intoleranz zeigst merkste selber, oder?

      Vielleicht geht es in dieser Debatte *gerade* um die Einzelschicksale die zu lange als „aja, ist halt so“ abgetan wurden?

  2. Liebes Fräulein Kuersch,
    ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, muss ich doch die Frage stellen, ob Sie glauben, mit dem Mitleid, was Sie von anderen erhalten und meiner Ansicht nach als Mitgefühl fehldeuten eine Therapie ersetzen zu können? Ich kann Psychologen genauso wenig leiden, wie Lehrer, aber auch in diesem Stamm dürfte es einige Vertreter geben, die Ihnen bei der Bewältigung Ihrer Vergangenheitstraumata helfen können, wenn Sie es nicht allein schaffen. Entblößung im scheinbar anonymen Internet ist doch keine Lösung!
    Herzliche Grüße
    Frau Körb aus dem Nachbarblog

    • Ich weiß nicht, wieso Sie das als Aufschrei nach Mitleid sehen. Aber ich finde das ist keine Entlößung oder ein Schrei nach Mitleid, sondern eine klare feste Stimme, die auf Misstände in der Gesellschaft hinweisen.
      Denn nichts anderes ist das und es sollte beim besten Willen nicht totgeschwiegen werden.
      Das Internet ist nunmal mittweile das beste Kommunikationsmittel, hier erreicht man so viele Menschen. Und ich finde es gut, wenn man über solche Themen hier redet.
      Das hat nichts mit gewollter Aufmerksamkeit zutun. Oder doch. Man will Aufmerksamkeit, damit die Gesellschaft nicht ständig wegschaut.
      Denn auch ich erlebe solche Sachen immerwieder. Das ist nicht normal und nicht in Ordnung. Deswegen sollte man darüber schreiben finde ich.

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