Über Brechreiz und Schönheitsideale

Manchmal sitze ich nervös mit dem Fuß wippend in Wartezimmern und schlage meine kostbare Zeit tot. Ärzte machen mich irgendwie kirre, was eigentlich recht witzig ist, da ich ja selber in einer Arztpraxis arbeite und mit meiner Chefin, welche Ärztin ist, wunderbar zurecht komme. Die Ärzte, die mich behandeln, mag ich aber irgendwie nicht. Wahrscheinlich fürchte ich, dass sie sich in ihrem Sessel zurücklehnen und sagen, ich solle doch aufhören zu simulieren. Ich habe schon Erfahrungen gemacht, die in die Richtung gehen. Wie dem auch sei – Wartezimmer. Mag ich nicht. Machen nervös. Schlimmer als Wartezimmer? Die dort ausliegenden Zeitschriften.

Neulich war ich bei meiner Gynäkologin. Ich kenne keine Frau, die richtig gern zum Frauenarzt geht und sich ein Spekulum und sonstige Gerätschaften in die Vagina einführen lässt, und ich bin da keine Ausnahme. Dementsprechend war ich besonders nervös und mein Fuß wippte besonders schnell. Das Wippen legte sich, als ich die Titelseite einer Zeitschrift entdeckte. Ich weiß nicht mehr, welche Zeitschrift das war, ich kann mich nur an den Bullshit auf der Titelseite erinnern „Schlank, stark, schön: Abnehmen mit der Zen-Diät. Der gesunde Weg zum besseren Körpergefühl.“

Schlank, stark, schön.

Schlank. Stark. Schön.

Diese drei Worte scheinen untrennbar miteinander verbunden. Schlanke Frauen sind automatisch schön, sie haben diese Anmut, eine Grazie, die dicke Frauen nicht haben können, weil sie nun mal dick sind. Außerdem haben schlanke Frauen ihr Leben im Griff und sind deswegen stark; die kann nichts kaputt machen. Die Frau von heute soll schlankstarkschön sein. Weil das dem gesellschaftlichen Ideal entspricht.

Ich möchte kotzen.

Ich bin nicht schlank. Ich bin auch nicht stark, zumindest nicht immer. Aber ich kann trotzdem schön sein. Manchmal. Ich erinnere mich gut an einen Tag im Juli – oder war es August? – vor ein paar Jahren. Ich war 18, gerade frisch volljährig, und hatte an dem Tag Streit mit meiner Mutter. Perfekter Zeitpunkt, ich hatte nämlich direkt danach ein Date mit meiner Therapeutin. Mein Leben lastete zu schwer auf meinen noch jungen Schultern und ich saß heulend auf dem Sofa. Ich bin keine dieser Frauen, die stumm weinen und dabei hübsch aussehen. Wenn ich weine, dann fließen die Tränen, ich bekomme Kopfweh, meine Wangen werden rot und fleckig, Rotze kommt mir aus der Nase und ich blubbere schluchzend irgendwas vor mich hin. Genau in dem Moment sagte mir meine Therapeutin, dass ich schön bin.

Was machte mich schön? Ich war in dem Moment nicht stark, mir war alles zu viel, ich wollte aufgeben, aber ich stand dazu. Ich vertraute mich jemandem an. Ich war ich und ich war offen und ehrlich und so viele Dinge, die wichtiger sind als schlank und stark zu sein oder dem Schönheitsideal zu entsprechen.

Ich kämpfe mit mir, jeden verdammten Tag, und der Kampf zehrt mich aus. Aber ich bin dabei, mich selbst zu akzeptieren. Vielleicht kann ich mich eines Tages ja so lieben wie ich bin. Nicht schlank, nicht stark, aber trotzdem schön, auf meine Weise. Und nicht so wie es mir eine bescheuerte Zeitschrift eintrichtern will. Eines Tages gibt es hoffentlich eine Gesellschaft, in der man Menschen beibringt, dass sie okay sind wie sie sind, dass sie nicht mit und gegen sich kämpfen müssen, dass sie es wert sind, geliebt zu werden.

Pscht, lasst mich auf meine kleine Utopie hoffen. Nehmt mir das nicht weg.

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5 Gedanken zu „Über Brechreiz und Schönheitsideale

  1. Ein wunderbarer Blogtext! Ich kann deine Gefühle nachvollziehen, ich leide auch oft an Selbstzweifeln und habe Probleme, mich zu akzeptieren. Unter Jungs hat man ein anderes Schönheitsideal – nicht nur schlank, sondern muskulös. Ist aber die gleiche Situation, wenn man nicht regelmäßig Sport treibt, ins Fitnessstudio geht, wenn man sagt, dass es für einen selbst wichtigere Sachen gibt als Muskelaufbau, wird man von vielen Mitschülern ziemlich komisch angesehen. Jedenfalls kann ich gut nachvollziehen, dass dich diese Schönheitsideale stören, mich stören sie auch. Lass dich davon nicht fertig machen, man kann auch hübsch sein, wenn man nicht die Figur eines Topmodells hat.

    Liebe Grüße, Sebi.

  2. Die Titelgeschichte ist mir am Kiosk auch aufgefallen und hatte prompt einen spontanen Trittreflex im Knie. Ich habe nicht kapiert, was stark mit schlank und schön zu tun hat. Stärke brauch man halt, um das Leben zu überleben. Wie aber soll frau stark sein, wenn sie ganze Zeit Kohldampf hat, weil sie auf Diät ist? Wie soll Frau stark werden, wenn sie ihre wertvolle Lebenszeit damit verbringt, irgendwelchen Schönheitsidealen hinterher zu Hetzen? Es kostet sehr viel Stärke, sich von diesem Schönschlankjung-Dreck nicht fertig machen zu lassen. Ich fürchte, die Gesellschaft wird sich insoweit nicht ändern. Aber Du wirst es hinkriegen. Ganz sicher.

  3. Meine Meinung zu dem Thema gabs mal in den Mails, aber da kommt man wohl schwierig dran:

    Hallo Anno,

    man hört deutlich, dass Du gut gelaunt bist und diese gute Laune in SWR3-Land verbreitest. Als Belohnung schicke ich Dir ein lustiges Geschichtchen, was sich diese Woche ereignet hat. Ich war bei meiner ältesten Schwester zu Besuch, und erzählte ihr eine Gegebenheit, die sich während meines Zivildienstes ereignet hatte. Den Zivildienst habe ich in Mannheim, in einem Heim für seelisch kranke Leute abgeleistet. Da gab es auch immer Praktikantinnen von einer Schule in Ludwigshafen, die dann so ca. 4 Wochen da waren. Eine davon, ihr Vater war Chefarzt in einem Krankenhaus, wirkte oberflächlich sehr arrogant, sie war immer adrett gekleidet und frisiert, aber ehrlich gesagt nicht wirklich hübsch. Zu ihrer Ehrenrettung muss man sagen, dass, wenn man sie näher kannte, die Arroganz nicht mehr vorhanden war. Trotzdem gab es irgendwann die Szene, dass eine Bewohnerin des Heims sie in ihrer arroganten Art erleben musste, und dann als sie den Raum verlassen hatte, ziemlich ärgerlich auf Mannheimerisch sagte: Die määnt wohl sie isch schee, die soll mol in den Spiggel gugge!“
    Späterr dann, erzählte ich meiner Schwester von meiner Engeltheorie, unter anderem auch, dass diese jünger aussehen, als sie nach Lebensjahren sind. Fishing for Compliments, fragte sie dann nach, wie sie denn aussehe. Ich antwortete: „Du määnsch wohl du bisch schee, Du musch mol in de Spiggel gugge“. Sie lachte herzlich, ihre Tochter, die das ganze mitbekommen hatte, lachte noch viel mehr.
    Gestern, auf dem Polterabend meines Patenkindes, habe ich sie wieder gesehen, und sie sah wirklich gut aus, folglich sagte ich zu ihr: „Heute siehst Du richtig gut aus“. Sie hat wieder gelacht, hat es mir aber nicht abgenommen, dass es ehrlich gemeint war. Für sie war es jetzt mehr ein Running-Gag.

    Was ich mittlerweile festgestellt habe, dass die Menschen, unabhängig davon, was ihnen die Gene mitgegeben haben, wenn sie das Gute im Herzen haben, auch schön aussehen. Ich erlebe ja auch Viele, die am Anschaffen sind, und die sehen dann dementsprechend richtig „schorbich“ (pfälzisch für schäbig) aus. Als ich damals das Bild suchte, das den Laden zum Einstürzen bringt, kam ich an dieser Stelle als erstes raus: Das Gute ist das Schöne!!! Das ist irgendwie die Weltformel, aber ich hatte es ausprobiert, die Wirkung war zu schwach.

    So weit von mir

    Gruß Bernd.

  4. Staerke muss man sich erarbeiten. Unter anderem in dem man solche Magazine liest und amuesiert den kopf schuettelt. Aber ich frage mich, warum alle Frauenmagazine so dumm und oberflaechlich sind? Oder viele. Sind sie etwa zielgruppenorientiert? In Arztpraxen lesen Frauen auch nie die Auto-,oder Angelmagazine. Neinnein, Staerke musst du dir eraebeiten, den nagellackierten, gelhaarigen Mitlaeufern auf den Tisch kacken und dich ueber die dummen Gesichter totlachen.

    Schoenheit wird mit zunehmendem Alter irrelevant. Ich bin aber durch dein Foto auf dich aufmerksam geworden… Also nutzes aus, solange es dauert!

    Schlank eruebrigt sich. Duerrlaender sind andauernd krank, frieren staendig, sind essensmaeklig und koennen ihr Koerpergewicht nicht zum bewegen schwerer Dinge einsetzen. Gut das meiste davon is quatsch, aber ich halte dennoch daran fest.

    Bis die Tage!

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