Alles Gute, Jorge

Hallo Papst,

während ich diese Zeilen schreibe, sind die Augen der Welt auf dich gerichtet. Ich hab dich mal gegooglet: Alle Medien schreiben einhellig, du seist bescheiden, sparsam, magst keinen Prunk, verlässt dich auf öffentliche Verkehrsmittel. Das mag ich an dir. Das wird sich wohl aber bald ändern. Ob sich wohl auch die katholische Kirche ändert?

Weißt du, Jorge, die Welt hat sich geändert. Sie ändert sich von Tag zu Tag. Außerhalb deines Einflussbereichs, in den vom Islam geprägten arabischen Ländern, gehen Menschen jeden Tag für ihre Rechte auf die Straße. Indien ist auf deiner Landkarte auch eher klein, aber dort kämpfen Frauen gerade für ihre Rechte. Das ist toll. Das ist großartig. Diese Menschen sammeln ihre einzelnen Stimmen und brüllen gemeinsam das Establishment an. Sie bewirken einen Wandel.

Auch in deiner Welt protestieren Menschen. In Deutschland wird seit Wochen in allen Talkshows darüber diskutiert, ob die Kirche denn noch zeitgemäß sei. Oft kommt die Antwort, die Kirche dürfe gar nicht den Anspruch haben, zeitgemäß zu sein; sie basiere auf Gottes unvergänglichem Wort.

Aber, Jorge, schau mal: In der Kirche sind auch nur Menschen. Du bist auch ein Mensch, das wissen wir beide. Du weißt, dass Menschen Fehler machen. Du würdest sagen, dass Menschen sündigen, dass sie gegen Gottes Gebote verstoßen, und das ist okay. Aber auch Priester und Kardinäle, Bischöfe und Nonnen sind Menschen. Wenn sie Fehler machen, ist das manchmal okay, aber manchmal schlimm. Ein Mensch der Kirche, der einem anderen Menschen unbeschreibliches Unrecht getan hat, darf nicht in Schutz genommen werden. Er ist dann nicht nur ein Mensch der Kirche, sondern auch ein Mensch, der in dem Staat lebt, in dem er dieses Unrecht getan hat. Dann muss gegen ihn ermittelt werden. Dann muss er sich der weltlichen Strafe stellen.

Weißt du, Jorge, ich bin mir sicher, dass du deine Mutter sehr geliebt hast und immer noch an sie denkst. Manchmal. Google sagt, dass du als eines von fünf Kindern geboren wurdest. Wow. Das ist eine große Familie. Ich weiß nicht, ob du Schwestern hast, und eigentlich ist es auch egal. Stell dir vor, jemand hätte deiner Schwester Gewalt angetan. Jemand hätte sie zu etwas gezwungen, das sie nicht tun wollte, jemand hätte sie schwer verletzt, körperlich und seelisch. Stell dir vor, jemand hätte das mit einem Menschen getan, der dir wichtig ist. Stell dir vor, du wärst selbst eine Frau und jemand hätte dir so etwas angetan. Was wäre das für ein Leid? Ich will mir das nicht vorstellen. Ich kann es mir nicht vorstellen. Was aber, wenn dieser Gewaltakt nicht ohne weitere Folgen geblieben ist? Wenn ein Schwangerschaftstest ein kleines Pluszeichen anzeigt? Wenn sich in einem selbst alles zusammenzieht bei der Vorstellung, man müsse die nächsten Jahre, bis zum Ende seines Lebens, jeden Tag ein Kind ansehen, das halb deins, halb das deines schlimmsten Traumas ist? Es ist nicht leicht, ein Kind in sich heranwachsen zu sehen. Es ist anstrengend. Ich habe mal gelesen, dass die Anstrengung, die der weibliche Körper während einer Schwangerschaft durchlebt, so auszehrend ist wie ein Marathon. Als würde man jeden Tag einen Marathon laufen. Bist du schon einmal einen Marathon gelaufen? Bist du neun Monate lang jeden Tag einen Marathon gelaufen? Wer gibt dir das Recht, jemandem zu sagen, er solle das ertragen? Gott? Ernsthaft? Stand er plötzlich vor dir und hat mit dir gesprochen?

Ich finde es absolut in Ordnung, wenn das deine Meinung ist. Du kannst meinetwegen auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, auf der weiße, heterosexuelle Männer mehr Rechte haben sollen als andere Bevölkerungsgruppen. Wenn das deine Meinung ist – bitteschön. Aber zwing sie anderen Menschen bitte nicht auf. Dadurch, dass dich deine Kardinalskollegen zum Papst ernannt haben, hast du plötzlich unheimlich viel Macht. Dein Wort wird von über einer Milliarde Menschen auf der ganzen Welt als Wahrheit aufgenommen. In ihren Augen bist du unfehlbar, so wie es alle Päpste seit 1870 waren.

Weißt du, Jorge, ich glaube, dass du genau weißt, vor welchen Problemen die Kirche steht. Wie viel Macht die Kirche hat. Ich bitte dich darum: Steh zu den Fehlern, die einzelne Menschen in der Kirche gemacht haben. Erkenn an, dass Menschen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Dass Frauen mit ihrem Körper machen dürfen, was immer sie möchten. Dass Menschen einander lieben können, ganz unabhängig davon, welches Geschlecht sie haben. Bitte versteh, dass AIDS eine Krankheit ist, vor der man sich schützen kann, und zwar mit Kondomen, die kein Teufelszeug, sondern Lebensretter sind.

Jorge, ich wünsche dir alles Gute. Vergiss nicht, wo du herkommst. Vergiss nicht die Armut der Menschen in Argentinien. Du hast die Macht, etwas gegen das Leid der Menschen zu unternehmen. Nutz sie.

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3 Gedanken zu „Alles Gute, Jorge

  1. Ich kann deiner Meinung auch nur zustimmen. Hoffen wir, dass die Kirche endlich lernt und beginnt zu ihren Fehlern zu stehen. Hoffen wir auch, dass vielleicht irgendwann (hoffentlich nicht irgendwann, sondern irgendwann bald) auch das Schutzalter zum Geschlechtsverkehr mit Kindern ab 12 Jahren im Vatikanstaat, wieder erhöht wird. Hoffen wir, dass die Kirche beginnt ihre Denkweisen zu überdenken!

    Schöne Amtszeit, Jorge. Peace.

  2. jeder neue papst eine neue hoffnung auf veränderung? na ja, nicht wirklich. ein blick in die zeitungen zeigt einen blassen alten mann von 76 jahren. er sieht aus, als ahne er was kommen wird. trotzdem – ich würde mir wünschen, dass kati ihm das bei einem spaziergang durch ein beschauliches vatikangärtchen sagen könnte. es wird nichts nutzen, aber jemand hätte es mal versucht.

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