Hürdenlauf

30. April 2012, irgendwann relativ spät, vielleicht war es auch schon der 1. Mai, wer weiß das schon so genau.

Ich lag in den Armen eines netten jungen Mannes, den ich noch nicht besonders lange kannte. Mein Herz klopfte schnell, was nicht an Schmetterlingen im Bauch oder an dem Sex, den wir gerade gehabt haben, lag. Mein Herz klopfte schnell, weil das Kondom gerissen war. Shit. Shitshitshit. Im Kopf überschlug ich, rechnete nach. Erster Tag der letzten Periode, dann wäre mein Eisprung ungefähr… Ach, ist eh egal. Ich habe nicht das Glück, einen wunderbar regelmäßigen Zyklus zu haben. Mal sind es 30, mal 21, mal 48 Tage. Keine Rechnung auf dieser Welt konnte mich beruhigen. Fuck. Was sollte ich jetzt tun?

Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass mich das so fertigmachte. Wir redeten nicht darüber, auch nicht am nächsten Morgen. Erst am Nachmittag, als sich unsere Wege schon getrennt hatten, kam die zögerliche Frage, ob ich denn die Pille nehme. Nein, ich hatte sie noch nie genommen, aber immerhin den Beschluss gefasst, zum Gynäkologen zu gehen, um mir die Pille danach verschreiben zu lassen.

Mir fällt es schwer, zu Ärzten Vertrauen zu fassen. Egal, ob Gynäkologe, Hausarzt, Zahnarzt, Psychiater – wenn mir ein Arzt nicht sympathisch ist, gehe ich nicht zu ihm. Es geht nicht. Ich habe schon einige schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht, vor allem mit Ärzten in Krankenhäusern, also konnte ich am 1. Mai nichts weiter tun als zu warten und hoffen, dass ich am nächsten Tag einen Termin beim Frauenarzt bekomme. Mittlerweile waren schon 14 Stunden verstrichen.

2. Mai. Ich rief bei einer Frauenärztin bei mir um die Ecke an und erklärte mein Anliegen. „Wir haben keine Termine mehr.“ – „Ich brauche aber wirklich dringend die Pille danach.“ – „Dann gehen Sie doch zu Ihrem Frauenarzt!“ – (kleinlaut) „Ich habe aber keinen.“ – „Wie, Sie haben keinen?“ – „Ich war noch nie beim Frauenarzt.“ Die Sprechstundenhilfe seufzte. „Kommen Sie sofort. Sie müssen aber warten.“

Zwei Minuten später stand ich in der Praxis, etwa 39 Stunden nachdem das Kondom gerissen war. Ich füllte ein Formular mit all meinen Angaben aus, zahlte brav meine Praxisgebühr und wurde dann darum gebeten, in einen Becher zu pinkeln. Es müsse nämlich vorher ein Schwangerschaftstest gemacht werden, um auszuschließen, dass ich schon schwanger bin. Ich beteuerte, dass ich eine Schwangerschaft ausschließen kann, aber die Praxis wollte sich absichern. Ich müsse den Schwangerschaftstest machen, sonst könne ich die Pille danach nicht verschrieben bekommen. Fein. Als Individuelle Gesundheitsleistung kostete das nochmal 10€. Eine weitere Stunde später war ich im Behandlungszimmer. Nach drei Minuten und einem netten Gespräch mit der Ärztin (Blick auf meine Akte. „Oh, alles Gute zum Geburtstag!“ – „Hm, ja, danke,  ich wollte ihn eigentlich nicht beim Arzt feiern.“ – „Ach, dafür hatten Sie immerhin vorher Ihren Spaß!“) war ich wieder draußen und hatte das Privatrezept in der Hand.

Zwischenstopp bei der Apotheke. Die Pille danach kostete knapp 18€, zusammen mit Praxisgebühr und Schwangerschaftstest lag ich nun bei 38€ und war mit den Nerven am Ende. Ich setzte mich in ein Café, nahm die Pille danach um Punkt 18 Uhr und ging nach Hause.

Kurze Zeit später bekam ich Krämpfe im Unterleib und konnte kaum noch stehen. Mir wurde schwindlig und schlecht. Das hielt bis zum nächsten Tag an und ich verfluchte mich für den Sex, verfluchte den Kondomhersteller und verfluchte auch den netten jungen Mann, der sich übrigens alle 10 Minuten danach erkundigte, wie es mir geht und ein unheimlich schlechtes Gewissen hatte, weil ich leiden musste.

Das war meine Geschichte zur Pille danach. Mein 21. Geburtstag wird mir sicher immer im Gedächtnis bleiben, vor allem deswegen. Die Rezeptflicht der Notfallverhütung kostete mich zusätzliche 20€ und vor allem Zeit, viel Zeit, wichtige Zeit, die darüber entscheidet, wie wirksam die Pille danach ist. 

Ich verstehe nicht, wieso die Rezeptpflicht beibehalten wird. Ich habe einen Uterus und möchte ihm das Trara der Pille danach nur ungern nochmal antun, weil es wirklich unangenehm und schmerzhaft war. Ich habe einen Uterus und möchte nicht, dass sich wegen eines gerissenen, geplatzten oder vergessenen Kondoms da irgendwas einnistet. Was ich möchte: Schnellen Zugang zu Notfallverhütung ohne unnötige Hürden für jeden, der sie braucht. Die Rezeptpflicht steht dem im Weg.

Und, mal ehrlich, liebe Union und FDP: Das Märchen von „eine angemessene Beratung zur Pille danach kann nur von einem Facharzt durchgeführt werden!“ könnt ihr jemand anderem erzählen. Der Ärztelobby vielleicht.

Advertisements

3 Gedanken zu „Hürdenlauf

  1. Traurig daran ist, dass wahrscheinlich jeder weiß, wie unsinnig die Rechtfertigungsversuche für die Rezeptpflicht sind. Es ist nur ein verzweifelter Versuch, eine „anständige Sexualmoral“ auf Kosten der Frau zu erzwingen. Denn wie jeder gute Christ weiß: Die anständige Frau hat nur aus Fortpflanzungsgründen Sex. Und das auch nur mit dem ordentlich angetrauten Ehemann.
    Sonst muss sie leiden. Die merkwürdigen gesetzlichen Regelungen zur Abtreibung mit Strafandrohung, Ausnahmeregelungen davon, aber Beratungszwang schlagen in eine ähnliche Kerbe.

  2. Ich hatte gerade ein Gespräch mit einer jungen FDPlerin, die sich vor ihre Partei gestellt und sich die Mühe gemacht hat, dem anwesenden Altherren-Verein zu erzählen, wie wichtig es ist, die Rezeptpflicht abzuschaffen. Total engagiert. Echt super. Und dann kamen drei Ärzte, und haben ihren langjährigen Freunden von den medizinischen und psychologischen Folgen erzählt, die das haben könnte/müsste/auf jeden Fall haben wird. Da fragt man sich doch: Wenn die Meinungen so festgefahren sind, dass man die einzigen, die noch finanziell dran verdienen , zur Rezeptpflicht befragt: Wieso dann der ganze Zirkus?? Ich stimme Dir zu, @gearrabbit. Das Ganze ist ein verkorkstes Relikt einer überholten Sexualmoral, die obendrein auch noch extrem sexistisch ist. Da hilft nur: Aussitzen und Warten. Dass ein paar Leute demnächst in Rente gehen. Dürfen auch ein paar mehr sein:)

  3. Was ich zu sagen habe, ist weder besonders wichtig, noch besonders interessant, aber vielleicht nimmt sie potentiellen Leserinnen deines Blogs die Angst vor der Pille danach:

    Ich musste sie auch ein mal nehmen. Ich saß zitternd bei meiner Frauenärztin und konnte nicht pinkeln. Meine Ärztin hatte eigentlich Urlaub und kam nur, um mein Rezept zu unterschreiben. Ich habe Emetophobie und tierische Angst, „schlimme“ Tabletten zu nehmen. Ich rief auf der Arbeit an und sagte, ich sei krank und könne nicht kommen. Dann nahm ich die Pille danach. Und es passierte – nix. Ich hatte nicht mal ein kleines Ziepen im Bauch.
    Nicht lange überlegen, zögern und warten, sondern ab zum Arzt und die Pille danach nehmen!

Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, bekommst du auch keine nette Antwort.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s