Post vom Amt für Ausbildungsförderung – wie schön!

Neulich öffnete ich meinen Briefkasten und mir sprang ein Umschlag entgegen, der nicht nach einer Rechnung oder Mahnung aussah, was an sich ja schon ein Grund zur Freude ist. Als ich diesen Umschlag öffnete, sah ich jedoch das hier. Bild

Auf der Rückseite der Postkarte eine freundliche Erinnerung, doch bitte bis zum 31. Juli den Folgeantrag einzureichen, da ich sonst damit rechnen muss, dass ich ab dem 1. Oktober zunächst kein Bafög mehr erhalte.

Einerseits bin ich ja dem Amt für Ausbildungsförderung sehr dankbar, dass es mich daran erinnert hat, dass es einen Stichtag für den Folgeantrag gibt. Andererseits macht mich dieses Foto wütend. Lieber weiterhin Bafög bekommen als in einem Eichhörnchenkostüm durch die Gegend rennen? Lieber weiterhin Bafög bekommen als neben dem Studium zu arbeiten?

Ernsthaft? Ist das eure Botschaft? Wenn ja, in welchem bizarren Paralleluniversum lebt ihr denn bitte? Man zeige mir bitte einen Studenten, irgendeinen, der a) den Höchstsatz erhält und b) allein von seinem Bafög leben kann.

Ich studiere in München, was mehrere verschiedene Gründe hat, vor allem aber den, dass ich hier meine Familie, Freunde und einen Job habe. München ist ein teures Pflaster, das weiß ich, aber für mich war es das Vernünftigste (und Finanzierbarste) hier zu bleiben. Also, München.

Der Bafög-Höchstsatz für auswärts wohnende Studierende beträgt 597€, mit dem Zuschlag für die Krankenkasse 670€. Da ich bei meinen Eltern mitversichert bin, gehen wir also mal von 597€ aus.

Ich zahle 490€ Miete und habe Glück, dass da Strom, Wasser und Heizung schon drin sind. Mein Telefon kostet 9,90€.  Meine Monatskarte kostet 43,30€. Meine Erwerbsunfähigkeitsversicherung kostet 18,86€. Mein Handyvertrag kostet 27,50€. Damit liege ich schon mal bei 589,56€ Fixkosten im Monat und habe noch nichts gegessen.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht den Höchstsatz erhalte, nein, nein. Meine Mutter, schwerbehinderte Teilzeitkraft, und mein Vater, Rentner, verdienen so viel, dass ich 398€ Bafög im Monat bekomme, was echt viel Geld ist und mir mein Leben um einiges einfacher macht, vor allem weil meine Eltern mich wegen ihres geringen Einkommens nicht finanziell unterstützen können. Ich bekomme mein Kindergeld ausgezahlt, immer zum 15. des Monats, und meine Eltern haben bisher immer Geld zur Seite gelegt, um meine Studiengebühren zahlen zu können, damit ich mich nicht noch mehr verschulde.

Stichwort „Schulden“: Neben Bafög und Kindergeld habe ich eine weitere Geldquelle, nämlich meinen Studienkredit, den ich knapp kalkuliert habe und den ich so bald wie möglich kündigen möchte. Wer möchte denn schon mit einem Schuldenberg ins Berufsleben starten?

Stichwort „Beruf“: Neben meinem Gelerne für den ersten berufsqualifizierenden Studienabschluss jobbe ich als Sprechstundenhilfe, Buchhalterin und Mädchen für alles in einer Arztpraxis. Ich komme nur selten auf 400€, weil mich das Studium so sehr einspannt, dass ich a) keine Zeit für Arbeit habe oder b) Migräne bekomme, weil das alles zu viel Stress für Körper und Psyche ist. Immerhin muss ich ja bis zum 5. Fachsemester einen Nachweis darüber gebracht haben, dass ich mein Studium voraussichtlich in der Regelstudienzeit abschließen werde, da ich nur während der Regelstudienzeit Anspruch auf Bafög habe.

Also, liebes Amt für Ausbildungsförderung, ja, ich werde sehr gerne weiterhin Bafög beziehen, aber ich muss mir auch nebenbei den Arsch aufreißen, damit ich irgendwie über die Runden komme. Also bitte tut nicht so als würden sich Studenten mit den max. 670€ im Monat die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Tun wir nämlich nicht. Küsschen.

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13 Gedanken zu „Post vom Amt für Ausbildungsförderung – wie schön!

  1. Ich kenne zum Glück einige Studenten, die wunderbar mit ihrem BAföG zurecht kommen. Nur mussten sie sich damit abfinden in eine andere Stadt zu ziehen.
    Wenn du es nicht kannst, beschwere dich nicht, dass deine Nebenkosten so derart hoch sind. Es zwingt dich niemand in München zu wohnen und einen entsprechenden Preis zu zahlen. Es heißt nicht umsonst, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind.
    Ich habe nie BAföG bekommen und musste selbst zusehen, wie ich mit dem Arsch an die Wand komme

    • Lieber Airliner,
      ich habe erst im dritten Semester Bafög beantragt. Mit einem Umzug hätte ich mich damit abfinden müssen, dass eventuell einige Leistungen nicht hätten anerkannt werden können. Außerdem hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits einen Job, der bei einem Umzug für einige Zeit vorerst weggefallen wäre, mal ganz abgesehen davon, dass ein Umzug auch Geld kostet, vor allem wenn dieser Umzug in eine andere Stadt oder gar ein anderes Bundesland geht. Last, but not least: Aufgrund des Zustands meiner Psyche (nicht gut) wäre es absolut bescheuert, von meinem sozialen Umfeld und meinem Psychiater wegzuziehen.
      Ich beschwere mich nicht über meine Nebenkosten. Ich weiß, dass München teuer ist. Ich beschwere mich darüber, dass das Amt für Ausbildungsförderung so tut als könnte man sich mit Bafög allein ein Leben in Saus und Braus leisten. Das entspricht nicht der Realität. Nur die wenigsten Studenten kommen mit Bafög allein aus. Viele sind auf einen Nebenjob, Studienkredit oder finanzielle Unterstützung durch ihre Eltern angewiesen.

    • @airliner: Im Klartext ist deine Lösung also, dass finanziell schlechter gestellte Studenten sich damit abfinden sollen, die Uni nach den Lebenshaltungskosten aussuchen zu müssen statt nach Studienangebot und -bedingungen? Guter Plan. Bildungsangebote und Chancengleichheit werden sowieso überbewertet. Das faule Studentenpack soll richtig arbeiten gehen, wenn es sich das Studium nicht leisten kann. Wozu sollte ein Staat wie Deutschland auch in Bildung investieren?

      • Für finanziell schlechte gestellte Studenten gibt es ja eben diese staatliche Unterstützung namens BAföG (für manche auch BAB). Wem das zum Leben nicht reicht, warum auch immer sei einmal nebensächlich, hat immer noch die Möglichkeit Wohngeld zu beantragen, einen Studienkredit aufzunehmen oder ganz altmodisch nebenher zu arbeiten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Man kann schon froh sein, dass die sog. Studiengebühren (nicht zu verwechseln mit den von der Hochschule direkt erhobenen Semestergebühren) größtenteils wieder zurückgezogen wurden.
        Ich sehe da jedenfalls keinen Konflikt in Sachen Chancengleichheit. Das Leben ist nunmal kein Ponyhof, sondern zeitweise ein ziemlicher Drecksack.

        An dieser Stelle @katikuersch: Sag mir bitte, wo du an der Postkarte erkennen möchtest, dass man sich mit BAföG ein Leben in „Saus und Braus“ leisten kann. Ich erkenne lediglich einen erschöpften jungen Mann, der offenbar mit seinem ausbeuterischen Job fertig ist. Möchte man genau diesen Zustand eben nicht, solle man BAföG beantragen.

        Dankbarkeit für das, was man hat und erreichen kann, scheint immer mehr ein Fremdwort zu sein. Stattdessen heißt es immer mehr „aber ich will“, „aber ich brauche“.

        @gearrabbit:BAföG hat zwar etwas mit „in Bildung investieren“ zu tun, nur sollte man sich lieber anschauen, wo Geld eher benötigt wird: An den Schulen, Hochschulen und Universitäten. Vieles ist überfüllt und/oder in schlechtem Zustand.
        Vielleicht werdet ihr es irgendwann mal verstehen.

      • @airliner: Erstens verhindert man mit BAFöG keine ausbeuterischen Jobs. Das ist genau der Punkt, den Katikuersch hier anspricht. BAFöG ist nett, reicht aber oft nicht einmal, um Grundbedürfnisse (Essen, wohnen) zu decken. Mit BAFöG kann ein Student in Städten wie Hamburg oder München nicht nur keine großen Sprünge machen, sondern er kann ohne weitere Einnahmequelle schlicht nicht überleben. Jemandem in solchen Städten eine Karte mit so einem Motiv zu schicken, das suggeriert, BAFöG würde die Grundbedürfnisse decken und vor Ausbeuterjobs schützen, ist also eher gewagt. Das schafft man nicht einmal in etwas günstigeren Städten als Hamburg und München wie zum Beispiel Münster (das zugegeben auch grade in Bezug auf wohnen nicht zu den allergünstigsten Städten gehört).
        Zweitens stellt sich nicht die Frage, ob Geld in Universitäten oder beim BAFöG fehlt – das BAFöG ist zur Erreichung der selbstgesteckten Ziele – Chancengleichheit durch Nebenarbeitsfreiheit – viel zu knapp kalkuliert. Was vermutlich hauptsächlich an der schleppenden Anpassung an die Steigerung der Lebenshaltungskosten liegt, wodurch der BAFöG-Höchstsatz inzwischen nicht mehr den tatsächlichen Bedarf abbildet wie noch bei Einführung. Ich kenne dementsprechend keinen Studenten, der sich alleine durch BAFöG sein Studium hätte finanzieren können. Dieser Missstand dürfte allen Beteiligten klar sein, nur will niemand die zusätzlichen Kosten tragen.

        Mit diesen Dingen muss ein BAFöG-berechtigter Student leben, weil er daran nichts ändern kann. Es grenzt aber schon an Dreistigkeit, wenn das BAFöG-Amt sich für die tolle Arbeit auf die Schulter klopft und mit so einem Postkartenmotiv hinausposaunt, dass durch BAFöG die grundlegenden Bedürfnisse gedeckt sind und ein Student mit dem BAFöG-Höchstsatz sein Studium im Prinzip durchziehen kann. Das ist eine Verdrehung der Realität.

  2. Lieber nicht auf das Amt schimpfen, sondern mal die Werbeagentur, die für die Karte verantwortlich zeichnet, ausfindig machen und kräftig beshitstormen! Da sitzen die hirn- und gewissenlosen Leute, die man öffentlich mit ihrem menschlichen Versagen konfrontieren müsste!

  3. Das Amt find ich nicht ganz so schlimm wie bei uns Erwerbslosen (schlimm genug isses ja immer noch), aber die Trolle sind genauso!

  4. danke für den artikel, der viel wahres anspricht. ich kenne niemanden, der/die vom bafög leben kann. trotzdem ist es für viele super, dass es sowas gibt. eine freundin von mir lässt ihr bafög nach 7 (von 10) semestern jetzt sausen, weil es für sie sinnvoller ist, sich mit einem teilzeitjob über wasser zu halten als mit bafög und begrenztem nebenjob. dafür dauert das studium dann länger, was auch doof ist.
    ob das arbeitsamt schlimmer ist als das bafög-amt, ist glaube ich regional unterschiedlich bzw hängt von den jeweiligen personen ab. gegeneinander ausspielen sollte man arbeitslose und studis auf keinen fall. aber interessant, dass studis mit einem job (eichhörnchenkostüm in fußgängerzone) abgeschreckt werden, zu dem man bedenkenlos ALG II leute zwingen würde.

  5. Ja, die Werbung finde ich, äh, seltsam. Gar keine Frage.

    Aber: ich habe a) jahrelang den Höchstsatz bekommen und b) in München davon 5 Jahre gelebt. Normale Miete hätte ich nicht bezahlen können, aber im Wohnheim sind die Mieten ja auch jetzt noch eher bei der Hälfte. Handy hatte ich eben keins. Gearbeitet habe ich dennoch – für Polster (um die Verzögerungen beim Amt abzufangen), für meinen PC, für Anschaffungen und für das letzte Jahr, das aus dem Bewilligungszeitraum fiel, ich aber zum Studieren brauchte.
    Bafög macht kein Luxusleben möglich, aber aus meiner Erfahrung durchaus ein erträgliches.

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