Notruf

Ich wähle die 110.

„Notruf der Polizei.“

„Hallo? Hi. Mein Name ist Kuersch. Ich mache mir Sorgen um jemanden im Internet. Auf Twitter hat die Person Nachrichten geschrieben, die auf Suizidalität schließen lassen.“

„Aha. Was hat die Person denn geschrieben?“

Ich lese einige Tweets vor.

„Kennen Sie die Person?“

„Nein.“

„Und wie kommen Sie dann darauf?“

Ich stutze. „Ähm. Ich bin zufällig über die Tweets gestolpert. Jemand hatte geschrieben, dass die Person sich nicht mehr meldet, also habe ich mal nachgeschaut und selbst einen Text verfasst und darum gebeten, die Userin zu kontaktieren.“

„Aber Sie kennen sie nicht persönlich?“

„Nein, ich mache mir nur Sorgen. Es klingt ernst.“

„Mhm. Also, die meisten, die darüber schreiben, die tun ja nix.“

Ich denke an hyp3rfux. Auf die Male, die ich selber schon über „mit dem Gedanken spielen“ hinaus war. „Aber…“

„Wie heißt denn die Person auf dem Twitter?“

„Herzpoetin.“

„Wissen Sie was über den Aufenthaltsort?“

„Sie scheint aus Deutschland zu kommen.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich hab mal geschaut. Sie hat Fotos aus Dresden, ein Wohnungsgesuch in der Gegend von Duisburg und Konzertkarten für Frankfurt gepostet.“

„Aha. Also ich schick gleich ne Streife vorbei, die schauen sich das bei Ihnen am Computer mal an.“

Verdutzt. „Okay.“

„Ihre Adresse?“

Ich nenne ihm meine Adresse.

Wir hatten Glück. Herzpoetin lebt. Mir graust bei dem Gedanken, dass ihr Leben im Zweifelsfall in den Händen der Polizei hätte liegen können, die dachte „sie tut ja doch nichts“.

Psychische Erkrankungen sind ernst.

Suizidalität ist ernst.

Nehmt sie ernst.

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7 Gedanken zu „Notruf

  1. Ich hab mir schon von Anfang an gedacht dass das n Pseudokiddy ist… und keine Minute nachdem ich meine Vermutung getwittert hab hat sichs auch bestätigt. Solche dämlichen Hohlbratzen machen es „echten“ Suizidkandidaten unnötig schwer.

    Achja nochwas, nach zwei Stunden ist es ohnehin zu spät was zu tun. Wenn sie sich aufgeschlitzt oder vorn Zug geworfen hätte sowieso, und bei ner Überdosis zienlich sicher auch. Panikmache für nix und wieder nix.

    Wenigstens holt sie sich Hilfe.

  2. Herzpoetin ist dafür bekannt. Sie spielt da mehr oder weniger ein übles Spiel.Ist nicht das erste mal gewesen.

  3. Mich verwundert es doch schon, dass die bei der Polizei überhaupt noch ernsthaft weiter mit dir geredet haben, nachdem du denen gesagt hast, dass du dir Sorgen um ein Wesen auf Twitter machst. Die meisten Beamten reagieren auf das Thema Internet eher mit einem „Haha, dieses sogenannte „Internet“ kann man generell nicht ernst nehmen. Wir kümmern uns lieber um die „richtigen Probleme“.“

  4. Wenn jemand wirklich die Absicht hat, sich das Leben zu nehmen, soll diese/r es tun. Wer hat das Recht dazu, darüber zu entscheiden es (nicht) zu tun? Aber bitte: wenn jemand keinen anderen Ausweg mehr sieht: zieht nicht andere, Unbeteiligte in euer Verderben. Soll heißen keine Züge, keine Amokfahrten auf Autobahnen, etc.

  5. Ähnliche Situation hatte ich auch mal. Dank meiner Aktion hasst mich die Dame :/
    „Gleich kommt ein ICE, ich Falle – er fährt und alles ist wieder gut!“

    Polizei und Konsorten. „War doch alles nicht so gemeint blabla, warum schickst du mir die Polizei blabla“… Und ja, auch wenn der Kontakt „Süß“ war und ich ihn dadurch verloren habe: Ich würde es immer wieder machen, denn das leben ist einfach zu schön für so einen Scheiß :)

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