Ätschibätsch

Schadenfreude ist die schönste Freude, sagt man. Mag ja sein. Schöner ist aber Schadenfreude gepaart mit echter Freude. Ich freue mich für alle eingetragenen Lebenspartnerschaften, die endlich der Gleichstellung mit der traditionellen Ehe näher kommen, und schaue mit Häme auf die Mitglieder der Union, deren ewiggestrige Ansichten endlich als nicht verfassungskonform eingestuft wurden. Ein guter Tag für die Gleichberechtigung in Deutschland und für meinen „Ätschibätsch, Norbert Geis“-Tanz.

Nachdem das Ehegattensplitting jetzt für alle gilt, die zusammen bei einem Standesbeamten vorbeigeschaut und Papierkram unterschrieben haben, können wir uns mit einer etwas wichtigeren Sache beschäftigen: Abschaffung des Ehegattensplittings.

Seien wir mal ehrlich: Wir stecken unfassbar viel Geld in Bildung, arbeiten daran, möglichst viele Fachkräfte auszubilden und verplempern das Erwerbspotenzial, sobald Kinder da sind. Letzten Endes liegt die Entscheidung, wie die Sache mit der Arbeit geregelt wird, bei den Eltern. Ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor allen, die sich Vollzeit der Kindererziehung widmen. Und vor denen, die beruflich zurückstecken und sich mehr um das Kind kümmern. Und vor denen, die Vollzeit arbeiten und sich genauso um ihr Kind kümmern. Ich habe Respekt vor Eltern. Das fasst es ganz gut zusammen. Und ich schweife ab.

Werfen wir einen Blick in das Statistische Jahrbuch 2012, Kapitel 2. Bevölkerung, Familien*, Lebensformen. Sehr interessant, vor allem Tabelle 2.6.14. In 51,8% aller Familien sind beide Eltern aktiv erwerbstätig. In wiederum 74,2% dieser Familien arbeitet ein Elternteil Vollzeit, der andere Teilzeit. Kapitel 13. Arbeitsmarkt. 6% aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Männer arbeitet Teilzeit; dem stehen 34% teilzeitbeschäftigte Frauen gegenüber. Wenn man erlaubt, aus diesen Zahlen Schlüsse zu ziehen: Tendenziell arbeiten eher Frauen Teilzeit, obwohl es laut Kapitel 3 (Bildung) weniger Frauen als Männer ohne Schulabschluss, dafür aber mehr mit Hochschulabschluss gibt. Und irgendwie stolpern Frauen von „yeah, ich bin voll gut ausgebildet!“ zu „fuck, ich verdiene bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit 7% weniger als ein Mann“.

Aber das ist ja nicht so schlimm, es lohnt sich ja! Weil wenn ich irgendwann meinen Traummann finde und wir heiraten, dann ist es sogar besser, wenn ich weniger verdiene, weil wir dank des Ehegattensplittings so Steuern sparen können. Je größer der Gehaltsunterschied zwischen uns beiden, desto größer die Steuerersparnis. Ist doch geil! Dann arbeite ich gern Teilzeit. Oder gar nicht, wenn sein Gehalt für uns beide reicht. Dann kann ich ja meine Bildung, mit der ich vermutlich bisher mein halbes Leben verbracht habe, in den Wind schießen. Die Sache mit der Kinderbetreuung ist ja auch nicht so einfach, nicht wahr?

Und dann wundern wir uns über Fachkräftemangel, Gender Pay Gap und Armutsrisiko bei alleinerziehenden Frauen.

Das Ehegattensplitting wird oft verteidigt, weil es ja „die Ehe und die Familie in besonderem Maße“ schütze, so wie es das Grundgesetz fordert. News Flash: Nicht alle verheirateten Paare haben Kinder und wenn mich nicht alles täuscht, besteht eine Familie aus mindestens einem Elternteil und Kind. Wenn man also Ehe und Familie durch das Ehegattensplitting fördern will – bitte, aber dann muss man es konsequenterweise auch auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften ausdehnen, so wie eben geschehen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass das Ehegattensplitting auf einen Haushalt mit einem Alleinverdiener ausgelegt war, was heute schlicht und ergreifend eher die Ausnahme als die Regel ist.

Wenn wir also langsam Fortschritte bei der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften machen, können wir dann auch bitte Steuerkonzepte aus den 50ern hinter uns lassen und nebenbei auch begreifen, dass Begriffe wie „Ehe“, „Familie“ und „Geschlechterrollen“ in den letzten 60 Jahren einen radikalen Wandel durchlebt haben? Vielleicht kommen wir ja dann auch so langsam im 21. Jahrhundert an – zum Leidwesen von Geis, Steinbach und Co.

* Das statistische Jahrbuch ist übrigens fortschrittlicher als manch ein Parlamentarier: „Der Begriff der Familie umfasst im Mikrozensus alle Eltern-Kind-Gemeinschaften, d.h. Ehepaare, nichteheliche (gemischtgeschlechtliche) und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sowie alleinerziehende Mütter und Väter mit ledigen Kindern im Haushalt. Einbezogen sind in diesem Familienbegriff – neben leiblichen Kindern – auch Stief-, Pflege- und Adoptivkinder ohne Altersbegrenzung.“

Advertisements

2 Gedanken zu „Ätschibätsch

  1. And now for something completely different: Ich finde ja, dass Ehegattensplitting wie eine ganz tolle Sache klingt! „Komm Elke, heute kriegst Du mal meinen Joachim und ich nehm Deinen Kurt!“ „Nee Du, Nadine, sorry! Ich hab heute schon die Sabine. Sylvia hatte mir das schon so lange versprochen.“

Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, bekommst du auch keine nette Antwort.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s