Dobro došli!

Während ich diese Zeilen tippe, nähern sich Stunden- und Minutenzeiger der 12. In ein paar Minuten hat die Europäische Union ein Mitglied mehr. Richtig, genau die Europäische Union, die seit ein paar Jahren von einer Krise in die nächste schlittert. Und nun sollen da noch vier Millionen Menschen und ein paar tausend Quadratkilometer dazukommen? Ohje.

Die Bild fragte in einem wie gewohnt brilliant investigativen, ausgewogenen und sachlichen Artikel, ob durch den Beitritt Kroatiens „unsere Millionen“ nun in das nächste „Steuergrab“ wandern (ich werde einen Scheißdreck tun und diese „Zeitung“ hier verlinken; wer den Artikel lesen möchte, kann googlen). Die Antwort: Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Die Lage in Kroatien ist scheiße. Wer sich über Unterschiede in Lebensstandard und wirtschaftlicher Kraft lustig macht, vergisst, dass Kroatien bis 1991 Teil eines sozialistischen Vielvölkerstaats war, als unabhängiges Land gerade mal so alt ist wie ich und vor 20 Jahren noch in einem Bürgerkrieg steckte. Und wo genau waren denn all die hochqualifizierten Kroaten vor und während dieser Zeit? Tipp: In Deutschland kennt man sie als „Gastarbeiter“.

2012 lebten laut dem Statistischen Bundesamt 223 014 Menschen mit kroatischem Pass in Deutschland, 23 000 davon allein in München. Viele kamen in den 60ern und 70ern als Gastarbeiter, andere als Flüchtlinge in den 90ern, wieder andere wurden hier geboren, haben aber keinen deutschen Pass. Dann gibt es noch die, die hier geboren wurden und sowohl einen deutschen als auch einen kroatischen Pass haben. Ein paar wollen auch jetzt kommen, als EU-Bürger. Sie hätten hier jetzt mehr Rechte als bisher.

Der Beitritt Kroatiens wird in den Medien nicht groß breitgetreten. Viel ändert sich ja nicht. Vorerst bleiben die Grenzkontrollen zwischen Slowenien und Kroatien bestehen. Der Euro wird noch ein paar Jahre lang die Kuna nicht ersetzen. Die Kommission wird ein bisschen vergrößert, das Parlament bekommt ein paar neue Abgeordnete – sehr unspektakulär. Schade ist nur, dass bei Günther Jauch lieber über Infrastruktur und Baustellen auf Autobahnen in Deutschland gesprochen wird als mal zu fragen, was denn ein paar in Deutschland lebende Kroaten über den Beitritt denken. Es gibt ja genug Kroaten, die man fragen könnte. Bloß habe ich bisher keinen einzigen Artikel in einer großen Zeitung entdecken können, der aus der Feder eines „Betroffenen“ stammt.

Und irgendwie passt das genau ins Bild. Ich habe mal meine Schwestern gefragt, ob sie denn jetzt, nach dem Beitritt, die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen wollen. Zwei von ihnen wurden in Mannheim geboren und alle drei leben seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zusammen haben sie fünf Kinder und 60% dieser Kinder haben zwei Staatsangehörigkeiten. Trotzdem wollen sie nicht auch Deutsche werden. Warum? „Es ändert sich ja nix.“ Sie könnten aber dann wählen und müssten dafür nicht die kroatische Staatsbürgerschaft aufgeben (ein langwieriger, teurer Prozess). Auch das wollen sie nicht.

Während ich all das irgendwie zusammensetze – die Kroaten, die gerade in Zagreb auf dem Trg bana Josipa Jelačića den Beitritt zur EU feiern; die Kroaten, die bei Konzerten der Rechtsrockband Thompson nationalistische Parolen grölen; die Kroaten, die seit Jahrzehnten in Deutschland, mitten in der EU, leben; die Kroaten, die Kriegsverbrecher als Helden verehren; die Kroaten, die von alldem nichts wissen wollen und lieber weiterhin mit einem Šljivovic in den Tag starten, bevor sie die Hühner, die sie im Garten großziehen und dann schlachten, füttern gehen – merke ich, dass ich vielleicht nicht die Richtige dafür bin. Ich kann viel schreiben: Dass die Integrationspolitik der Bundesregierung von Anfang an ein ziemliches Desaster war; dass die Erweiterungspolitik der EU nicht so einfach ist wie sie von diversen Zeitungen dargestellt wird; dass der Beitritt zur EU nicht nur der Beitritt zu einem Wirtschaftsraum, sondern auch zu einer viel zitierten Wertegemeinschaft ist; dass der Beitritt ein Signal an andere Staaten sein kann, die sogar noch schlechter dastehen als Kroatien (ja, das ist möglich). Ich werde mich jetzt aber einfach zurücklehnen und nur noch eins schreiben: Dobro došli u Europskoj uniji.

Advertisements

2 Gedanken zu „Dobro došli!

  1. Ich wurde vor 21 Jahren in Deutschland geboren, konnte aber nicht zwischen deutscher und kroatischer Staatsangehörigkeit wählen, weil Optionsrecht für mich nicht galt. Ich hätte total gerne ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit (bin nicht so die Turbokroatin), aber das ganze Prozedere kostet einfach zu viel.
    Ich kann mir noch nicht so genau vorstellen, was sich durch den Beitritt in die EU ändern wird. Wird alles teurer (Immobilien, Lebensmittel, etc.)? Steigen die Gehälter? Die EU ist so ein Konstrukt … sie ist zwar da, aber von den Veränderungen, die sie bewirkt merke ich im Alltag nicht so viel.
    Und zu den „Werten“: Ich finde es irgendwie verrückt, dass wir bisher nicht dazugehört haben (und Länder wie Bulgarien und Rumänien schon). Ich glaube nicht, dass wir uns jetzt integrierter in das europäische Gefüge fühlen, nur weniger ausgeschlossen.

Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, bekommst du auch keine nette Antwort.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s