Gedanken über Zeit.

Donnerstag, 5. September. Ich fahre seit über einem Monat jeden Tag durch halb München, um zur Arbeit zu kommen. Einmal hin, einmal zurück. Macht am Tag, je nach Route, 22 bis 54 Kilometer. Manchmal stehe ich an Ampeln oder im Stau und habe ein bisschen Zeit.

Zeit ist bei mir wie so oft Mangelware. Es nervt mich, dass mir diese Zeit durch die Pendelei von Schwabing/Freimann nach Pasing weggenommen wird. Aber ich kann es nicht ändern. Mit den Öffentlichen bräuchte ich doppelt bis dreimal so lang. Also warte ich. Warte und schaue mir die Wahlplakate am Straßenrand an.

Wenn man sich die Wahlplakate in München anschaut, könnte man denken, dass es nichts Wichtigeres als die Landtagswahl gibt. 10 Tage noch. Vielleicht schaue ich nicht aufmerksam genug. Vielleicht treibe ich mich einfach in den falschen Stadtteilen los. Aber bisher habe ich kein Plakat gefunden, das darauf hinweist, dass in 17 Tagen auch die Bundestagswahl ansteht. Okay, gut, Bernd Lucke grinst mich von einem Plakat an und bittet um meine Stimme für die AfD. Ich habe schon mehrmals darüber nachgedacht, einen kleinen Schlenker zu machen und sein rechtspopulistisches Grinsen mit den Felgen meines VW Polo mitzunehmen, mich dann aber doch dagegen entschieden.

Der Wahlkampf ist zäh. Vielleicht in Bayern noch zäher als woanders. Wenn man in Bayern lebt, hat man irgendwie das Gefühl, dass es komplett egal ist, wen man wählt, weil sowieso die CSU ihre kleine Provinzdiktatur aufrecht erhält. Selbst wenn man daran glaubt, dass ein Regierungswechsel etwas ändert und sein Kreuzchen nicht bei der CSU macht, ist es auch wieder aussichtslos, weil die Alleinherrschaft von Seehofer & Spezln zum Greifen nahe scheint.

Ach, und die Bundestagswahl. Die Alternativlosigkeit von Merkels Politik hat sich zur self-fulfilling prophecy entwickelt. Es gibt keine wirkliche Alternative, weil die Unterschiede zwischen den etablierten Parteien verschwindend gering sind (die Linke könnte man hier ausklammern). Das TV-Duell, auf das ich mich wochenlang gefreut hatte, war weniger ein Duell als ein Austausch altbekannter Floskeln, was nicht überrascht, aber nervt.

Ich bin genervt. Die Zeit läuft uns davon. Zehn Tage bis zur Landtagswahl, siebzehn Tage bis zur Bundestagswahl, aber nichts in Sicht, was die Hoffnung auf andere Politik verspricht.

Wählen gehe ich trotzdem. Wie soll ich mich denn sonst über das Ergebnis aufregen, wenn ich selbst daran schuld bin, dass es nicht anders ist? Eben.

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3 Gedanken zu „Gedanken über Zeit.

  1. Hier in Thüringen sieht das mit den Plakaten ein bisschen anders aus: Ich sehe Plakate von (der gefühlten Häufigkeit nach) SPD, Piraten, CDU, der Linken, den Grünen, der FDP, der ÖDP und der MLPD. Plakate der AfD oder gar NPD habe ich noch nicht gesehen. Na gut, wir haben hier auch keine Landtagswahl vorweg.
    Ich freu mich auf die Bundestagswahl, nicht nur weil ich eine Partei wählen werde, die so dunkelrot ist, dass ich immer an kräftigen Merlot denken muss, sondern auch weil es mir eine diebische Freude bereitet, zu sehen, wie dieser Witz von „Alternative für Deutschland“ ungebremst mit der Fresse in die 5%-Hürde kracht und die schwanzlosen Youtube- und Facebook-Kommentatoren, die auf verschiedenste Arten – mal subtil, mal brachial – für diese rechte Scheiße die Werbetrommel gerührt haben, mindestens bis zur nächsten Wahl das Maul gestopft bekommen. Habt keine Angst, Leute! Auf jeden tumben Stammtischnazi kommen reihenweise Menschen mit funktionierenden Gehirnen.

  2. Hm… Hier in Brandenburg sagt man ja dass hier die Nazis wohnen. In Brandenburg an der Havel sind bisher keine NPD-Plakate zu sehen, dafür aber von der REP mit Slogans, wie: „Und welchen Arsch wählen Sie diesmal?“.
    Vor allem die CDU-Plakate machen mir Angst, nicht so sehr wegen der Merkel, sondern von der Voßhoff, die ein Zwilling der Merkel sein könnte…. O.o Die sieht richtig grauenhaft aus.
    Das hier in Brandenburg sich ein ganzes Dorf weigert wählen zu gehen ist daher verständlich…

    Ich aber denke, dass ich mich nun soweit entschieden habe die Merkel nicht zu wählen. Da sie mir einfach zu manchen Themen nicht genug Biss hatte.

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