Meine Nachbarin

Früher hatten wir eine Nachbarin, eine etwas ältere Dame. Sie lebte allein, hatte keine Kinder und nur selten Besuch, aber ihre Katze, die war für sie da. Ich glaube, als ich zehn war, war sie schon 75 und ist nach sieben oder acht Jahren gestorben. Die Nachbarin war nie besonders nett, aber ich möchte nichts Schlechtes über sie sagen. Man soll die Toten ruhen lassen, heißt es ja. Manche Dinge sterben aber einfach nicht.

Ein paar Jahre lebte eine Familie aus Togo im dritten Stock. Sie bekam oft Besuch, manchmal relativ spät. Die Kinder der Familie waren klein. Das große Kind war etwa drei, denke ich, und das kleine noch ein Baby. Kinder sind laut. Das ist so. Die Nachbarin aber schimpfte über die Familie und die Kinder. Sie gab ihnen Namen, die davon zeugten, dass sie die Familie nicht als Menschen sah, sondern als etwas Niederes, etwas Unwürdiges. Sie beschwerte sich oft bei der Hausverwaltung. Die Familie musste nach einigen Jahren umziehen.

Einmal hatte ich mit der Nachbarin Streit. Es ging darum, dass sie die Familie aus dem dritten Stock beleidigt hatte und ich mir das nicht länger anhören wollte. Ich nannte sie „Rassistin“, sie stritt es ab, immerhin kam sie ja mit meinen Eltern und mir gut klar.

Da dämmerte es mir.

Ich mein, klar, meine Eltern und ich, wir sind auch Ausländer. Wenn meine Schwestern mit ihren Kindern sonntags zum Essen kommen, dann wird es auch laut, und wenn wir draußen im Hof spielen, dann werden wir auch als Ausländerpack beschimpft, es ist ja der heilige Sonntag und Ruhezeit. Aber wir bieten mit unserer Hautfarbe keine Angriffsfläche. Ein Priester kommt jedes Jahr in unsere Wohnung, um sie zu segnen und CMB an die Tür zu schreiben. Das ist okay. Das passt zum christlichen Abendland.

Wir sind gute Ausländer. Immer noch Ausländer und irgendwie minderwertig, weil nicht deutsch, irgendwann zugereist, auch wenn ich in München geboren wurde und man Bayern hört, wenn ich rede. Aber wir sind gute Ausländer. Christliche Ausländer. Keine Ausländer, die anders aussehen, an etwas anderes glauben und denen man demokratische Werte beibringen muss.

Gute Ausländer. Ein bisschen wie die Nachbarin selber. Sie wurde nämlich damals von den Russen aus Schlesien vertrieben und hat sich in München ein neues Leben aufgebaut. Aber die Familie aus dem dritten Stock? Die hätte doch bitte in Togo bleiben sollen.

 

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5 Gedanken zu „Meine Nachbarin

  1. Interessant, das ist mal eine neue Sicht auf das Thema Ausländerfeindlichkeit, die einem vermutlich nur auffällt, wenn man selbst in irgendeiner Weise betroffen ist.
    Ich habe schon oft über das Thema nachgedacht, aber mir ist noch nicht aufgefallen, dass es (abgesehen von der Hautfarbe) derartige Facetten gibt.
    Danke für diesen Einblick :)

    • Die Facetten sind manchmal sogar erschreckend! Schon einmal erlebt, wie sich Zugereiste über andere aufregen, die eigentlich im gleichen Boot sitzen?
      Ich bin Spätaussiedlerin aus der ehemaligen UdSSR und habe von fleißig arbeitenden, unauffälligen Russen schon sehr oft hören dürfen, wie sehr sie sich wünschen würden, wenn die „Kopftücher“ doch Mal nach Hause fahren würden. Eine sehr spezielle Logik, meiner Meinung nach. Wenn ich nicht lachen würde, müsste ich weinen.
      Das Thema „Ausländer“ führt bei den meisten Menschen zu einer sehr subjektiven Meinungsbildung. Oft geht es um eigene Erfahrung (z.B. von den Russen vertrieben), Beeinflussung durch Medien (z.B. Islam ist grundsätzlich schlecht), Äußeres (z.B. Hautfarbe), oder auch Grad der Immigration (z.B. deutsche Sprachkenntnisse, ähnliches Benehmen in der Öffentlichkeit).

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