Ich bin privilegiert.

Heute vor 40 (in einem Wort: vierzig. v i e r z i g) Jahren kam mein Vater nach Deutschland. Er erzählt immer, dass er doch nur einen Anzug, ein Fahrrad und einen Farbfernseher kaufen wollte und vielleicht, wenn es klappte, ein bisschen Geld sparen, um sich und seiner Familie später ein Haus zu bauen. Vierzig Jahre später, im Alter von 64 Jahren, hat er ein Haus in Kroatien, ein Auto, mehr als einen Anzug, ein tolles Fahrrad und vier Kinder. Das alles hat er sich in Deutschland aufgebaut.

Manchmal sprechen meine Eltern über die Welt, in der sie aufgewachsen sind. Ich habe das Haus meiner Großeltern väterlicherseits nie gesehen. Es wurde im Krieg niedergebrannt. Das Haus, in dem meine Mutter geboren wurde, steht noch. Meine Oma wohnt nicht mehr darin, weil sie Pflege und Aufsicht braucht, aber das Haus ist noch da. Genau wie das Plumpsklo im Garten.

Klar, ich kenne all die Geschichten. Wie sie damals durch den kniehohen Schnee stapfen mussten, um zur Schule zu kommen. Wie mein Vater einmal Stiefel geschenkt bekommen hat, sein Glück nicht fassen konnte und deswegen sogar in ihnen geschlafen hat. Wie meine Mutter während ihrer Ausbildung von ihrem Chef die alten Kleider seiner Tochter bekommen hat und es sich jedes Mal anfühlte wie Geburtstag, Namenstag und Weihnachten zusammen.

Meine Eltern haben es weit gebracht. Ich bin stolz auf sie. Sie werden diesen Text vermutlich nie lesen, aber ich bin unheimlich stolz.

Und manchmal bricht mir das das Herz. Ich studiere im 5. Semester Politikwissenschaft und im 4. Semester Geschichte. Mit meinen Eltern rede ich nur selten über die Uni. Meistens frustriert uns das alle: Ich verfalle zwangsläufig in Fachsprache, spreche zu schnell und mit zu viel Begeisterung, und meine Eltern kommen nicht ganz mit. Sprachbarriere. Ich kann es auf Kroatisch nicht so gut ausdrücken und weiche deswegen auf Deutsch aus, was nicht meine Muttersprache im eigentlichen Sinne ist, sich aber stark danach anfühlt.

Manchmal aber versuche ich es. Heute habe ich eine halbe Stunde den Inhalt meines Seminars erklärt, den Reader gezeigt, erzählt, worauf ich mich freue, welche Gedanken ich mir bisher über mein Referat gemacht habe. Mein Vater blätterte begeistert durch den Reader, die Zusammenstellung wissenschaftlicher Texte, die wir in manchen Kursen bekommen, und juchzte alle paar Sekunden. „Das ist so interessant!“ Ich lächelte und wollte weinen.

Ich bin privilegiert. Wenn wir einen Moment lang vergessen, dass ich eine weibliche Person mit Migrationshintergrund und psychischer Erkrankung bin, was das Unileben ein bisschen schwierig macht, dann bin ich verdammt privilegiert. Ich habe Zugang zu Bildung. Ich studiere an einer Elite-Uni. Mir stehen zig Bibliotheken mit tausenden Büchern offen. Ich habe Ressourcen und weiß, wie ich sie nutzen kann. Klar, ich gehe mit Schulden aus dem Studium raus. Klar, ich befinde mich in einer Spirale aus Prüfungs-, Versagens- und Zukunftsangst. Aber ich habe es besser als schätzungsweise 97% der Weltbevölkerung. Ich habe es besser als meine Eltern.

Davon gehen meine Probleme nicht weg. Diese Erkenntnis ändert nichts, rein gar nichts. Aber sie gibt mir ein bisschen Kraft, um weiterzukämpfen.

Und vielleicht sind meine Eltern eines Tages so stolz auf mich wie ich auf sie.

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5 Gedanken zu „Ich bin privilegiert.

  1. Pingback: Woche 31 – Unsere Netzhighlights | Apfelmädchen & sadfsh

  2. Ich schätze auch, dass sie sehr stolz sind. Sonst würden sie sich doch die Geschichten aus der Uni nicht anhören. Was mich überrascht ist der Begriff Eliteuni. Habe ich noch nie gehört, dass es das in Deutschland gibt. Was macht denn diese Uni so besonders? Meine lief unter Exellenzuni, zu finden war davon jedoch nur dort was von, wo das Geld reinfloss, was – soweit ich weiß – zwei Projekte waren.

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