Oh nein, ein anderer Bordi schreibt verrückte Dinge!

Ich mag Silke Burmester wirklich. Wirklich wirklich. Die SpOn-Kolumnisten sind nicht selten für mein Haareraufen verantwortlich und es ist schön, immerhin einmal die Woche einen Text lesen zu können, dem man zustimmen kann. So auch heute, als ich mir Burmesters Erörterungen zu Joachim Gauck, der NPD und Spinnern zu Gemüte führte.

Kurz zusammengefasst: Gauck neulich zu Schülern (sinngemäß): „Man muss auf die Straße gehen und den Spinnern von der NPD die Stirn bieten! Mit ‚man‘ meine ich euch. Außerdem könnt ihr gern gegen Nazis demonstrieren, aber wehe ihr geht aus anderen Gründen auf die Straße, dann seid ihr nämlich linksextreme Spinner.“ Burmester (sinngemäß): „Wow, es fühlen sich dauernd Menschen angegriffen. Warum sagen die Spinner denn nicht, dass sie nicht mit Nazis verglichen werden wollen?“ Gequältes Lächeln bis zu diesem Punkt.

Burmester bezieht sich dann auf einen anderen Text von ihr, in dem sie Matussek einen „verrückten Bordeliner“ nannte und daraufhin empörte Kommentare lesen musste. Hihi, witzig, diese Entrüstung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Borderliner haben ein beschissenes Image. Ich traue mich meistens nicht zu sagen, dass ich Borderlinerin bin, und weiche auf „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“ aus – „Borderline-Typus“ lasse ich gern unter den Tisch fallen. Borderliner. Jaja, das sind die Verrückten, die regelmäßig Arschlochverhalten an den Tag legen, aber nix dafür können, weil sie ja ach so krank sind. Außerdem ritzen die sich. Die wollen nur Aufmerksamkeit. Scheiß Borderliner.

Borderline ist nicht witzig. Borderline ist kein Gag. Borderline ist kein Etikett, das man Menschen aufklebt, weil sie einfach mal (auf Matussek bezogen sehr, sehr gelinde gesagt) seltsames Verhalten an den Tag legen.

Ich biete euch mal einen kleinen Einblick in meinen Kopf, okay?

Ich kann keine stabilen, lange andauernden Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen. „Mei, Menschen kommen und gehen, deal with it“. Nein. In einem Moment glorifiziere ich Menschen und mache sie zu meinem Lebensinhalt, im nächsten sind sie der letzte Dreck und ich will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Das ist für die Menschen in meinem Leben scheiße. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ich sie wegschubse und später heulend auftauche und sie unbedingt wieder zurückhaben will. Das gilt nicht nur für romantische, sondern auch für platonische Beziehungen. Freundschaften aufrecht erhalten ist für mich ein riesiger Act.

Ich habe massive Verlustängste. Also wirklich MASSIVE Verlustängste. Jede noch so kleine Meinungsverschiedenheit mit Freunden führt dazu, dass ich glaube, dass sie mich hassen und nichts mehr zu tun haben wollen. Neulich war mein Vater sauer auf mich und ich bekam das silent treatment, was zu einer ausgeprägten Panikattacke führte, inkl. hyperventilieren, zittern, das ganze Programm halt. Ich habe mehrere Stunden gebraucht, um mich zu beruhigen.

Ist das lustig, Frau Burmester? Ja? Dann erzähle ich mal weiter.

Ich füge mir selber regelmäßig Verletzungen zu. Auf meinem Körper sind überall kleine Narben. Ich fühle so viel und so intensiv, dass ich kein anderes Ventil habe und dass ich mich mit selbst zugefügtem Schmerz von meinem Innenleben ablenke. Einmal hat meine damalige Therapeutin eine Wunde entdeckt und war ganz entsetzt, weil ich mir genau diese Stelle ausgesucht hatte: „Das tut doch weh! Das kann sich entzünden!“ Jap. Soll es auch. Das ist der Gedanken dabei. Zwar bietet selbstverletzendes Verhalten kurzfristige Entspannung, aber danach fühlt man sich noch beschissener, weil man weiß, dass es ungesund ist. Aber hey, Borderliner zu sein ist doch so eine spaßige Angelegenheit.

Ich kämpfe so ziemlich jeden Tag mit Selbstmordgedanken.

Ich bin fast 23 Jahre alt und weiß nicht, wer ich bin, woran ich glaube, was ich will. Mein Selbstbild definiert sich darüber, wie mich meine Freunde (sofern vorhanden) wahrnehmen. Ich kann in einem Moment etwas über mich erzählen, fünf Minuten später das genaue Gegenteil behaupten und beides ist gleichermaßen wahr.

Ich habe null Impulskontrolle. Ich fahre zu schnell und bremse zu langsam. Ich gebe mehr Geld aus als ich habe. Ich habe Fressattacken (und damit meine ich nicht „hihi, ich habe zwei Kugeln Eis gegessen, hihi, Fressattacke, wow, voll witzig“).

Ich kann meine Wut nicht kontrollieren. Einmal hat meine Mutter es gewagt, meine Lieblingsjeans zu waschen, weswegen ich sie angeschrien und meine Hand so fest gegen den Türrahmen geschlagen habe, dass sie noch am nächsten Tag wehtat. Die Hand, nicht Mutter.

Finden Sie sich immer noch lustig, Frau Burmester?

Ich habe oft Depersonalisations- und Derealisationssymptome. Manchmal weiß ich nicht, ob meine Erinnerungen auch wirklich passiert sind oder ob ich sie mir nur ausgedacht habe. Manchmal kommen mir Menschen und alles um mich rum unecht vor. Ich fühle mich oft so, so leer.

Meine Stimmung ist in etwa so stabil wie eine 1,5cm dicke Glasscheibe, auf der ein Hochhaus gebaut wird. Ich kann innerhalb weniger Minuten von unbändiger Freude zu massiver Trauer zu Panik zu Leere zu Ausgeglichenheit wechseln. Natürlich nicht auf Kommando oder gar auf meinen Wunsch, nein, sondern einfach so und meistens genau so wie es mir gerade nicht passt. Innerhalb weniger Stunden die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen abzuschreiten ist mein Alltag und das ist so unfassbar anstrengend. Das Anstrengendste daran: Es geht mir jeden Tag so, die ganze Woche, ein ganzes Jahr, und ich kann nur darauf hoffen, dass es besser wird.

Ist Matussek ein homophobes, selbstgefälliges Arschloch? Jap. Keine Frage.

Ist Matussek Borderliner? Vermutlich nicht.

Ganz unabhängig von Matussek ist es aber nicht weniger arschlochmäßig, von „Fürsprechern des Borderlinesyndroms“ zu sprechen. Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung, kein Accessoire oder ein Lebensstil. Etwas anderes zu behaupten, ist widerwärtig, respektlos und verharmlost eine ernsthafte Erkrankung.

Aber hey, Frau Burmester, ich bin doch nur ein verrückter Bordi, der rumläuft und Lobbyismus betreibt, hm?

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5 Gedanken zu „Oh nein, ein anderer Bordi schreibt verrückte Dinge!

  1. Pingback: Woanders | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001

  2. Na ja Borderline ist noch ein bisschen mehr als das. Irgendwie ein Sammelbegriff für alles Mögliche. Deshalb auch: „Wissenschaftler fordern die Aufgabe des Begriffs, da er eigentlich keine Persönlichkeitsstörung, sondern differentialdiagnostische Probleme bezeichne“. Insofern finde ich die Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit M.M. durch Frau B. nicht wirklich problematisch.

  3. Hut ab vor diesem offenen Text, wirklich mutig.

    Kleiner Einwurf: Vielleicht solltest Du Dich auch nicht selbst als „Borderlinerin“ bezeichnen oder wahrnehmen, so wie man sich nicht als „Masernist“ oder „Beingebrochener“ wahrnimmt, sondern als Mensch, der an Masern, gebrochenem Bein oder BPS leidet.

    Ansonsten ist es vielleicht sinnvoll bei so hoher Selbstreflexion wie hier vorhanden zu sein scheint, sich mit einer DBT zu beschäftigen. Die hilft in den meisten Fällen bei sehr vielen der Symptome und erleichtert das Leben sehr, auch wenn es natürlich keine Erfolgsgarantie gibt. Aber die Forschung macht da ja auch ständige Fortschritte und es lohnt sich, es zu versuchen. Glaube ich.

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