Xanthippe steckte mir eben Valium zu

Es war seltsam still hier in den letzten Wochen. Zu still. Nicht diese angenehme Stille, nicht die Stille von Menschen, die gemeinsam schweigen können, aber auch nicht so wirklich die Ruhe vor dem Sturm. Es war mehr so ein Lauern, ein Sammeln, und ich glaube, ich habe jetzt genug überlegt, um zielgerichtet meckern zu können. Sagt mal, gehts euch eigentlich noch gut? Auf Twitter erzählen (mal wieder) Frauen von ihren Erlebnissen mit Sexismus, sexueller Belästigung, (männlicher) Erwartungshaltung, und es wiederholen sich genau dieselben beschissenen „ABER NICHT ALLE MÄNNER!“-Sprüche. Schätzeken, niemand behauptet, dass alle Männer sich Frauen gegenüber scheiße verhalten, aber eine überwältigende Mehrheit von Frauen hat beschissene Erfahrungen gemacht, meist mit Männern. Wenn eine Frau von ihren Erlebnissen erzählt und dein erster Instinkt ist, ihr „ABER NICHT ALLE MÄNNER!“ entgegenzubrüllen, bist du Teil des Problems. Nicht alle Männer sind so. Das wissen wir. Was willst du also gegen die unternehmen, die so sind? Die eine reale Gefahr für Frauen darstellen? „Ach, reale Gefahr, das ist doch reine Paranoia!“ Nein. Ist es nicht. Werfen wir doch einen Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik 2012.

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Soso, 95% der vergewaltigten Personen sind weiblich. Wie sieht es denn auf der Tatverdächtigenseite aus?

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98,1% der Tatverdächtigen sind männlich – ich sehe einen „Männerrechtsaktivisten“ schon empörte Kommentare schreiben, weil das ja „nur“ 6.000 Männer sind von insgesamt knapp 40 Millionen in Deutschland, nevermind the Dunkelziffer.

 

Aber okay. Wenn ihr denken wollt, dass meine persönlichen Erfahrungen nicht wichtig sind, dass ich mir alles einbilde, dass ich von meinen Erfahrungen doch nicht auf sofort auf andere Männer schließen soll (Schroedinger’s Rapist verdeutlicht den Gedanken dahinter am besten), und dass all die Frauen, die sich an #aufschrei und #YesAllWomen beteiligt haben genauso wenig valide Meinungen vertreten wie ich, dann kann ich das nicht ändern, selbst wenn ich mir die Finger hier blutig tippe. Auslöser von #YesAllWomen war der Amoklauf in Isla Vista. Elliot Rodger hat klar formuliert, dass er sich an Frauen rächen wollte, die ihn „zurückgewiesen“ haben (er hat nie jemanden angesprochen, aber okay) und dabei auch noch die Männer eliminieren, die er als „unwürdig“ empfand, weil er der „true alpha“ sei. Man kann sich Rodgers Video angucken und sein Manifest lesen und zu insgesamt vier Schlüssen kommen (wobei man nicht alle vier gleichzeitig für richtig halten kann):

1. Elliot Rodger hatte gewaltig einen an der Klatsche.

2. Sein Handeln war getrieben von einer Kultur, die Männern beibringt, sie hätten einen Anspruch auf die Zeit, Gesellschaft und Körper von Frauen.

3. Es ist gar kein kulturelles Problem, der hatte einfach einen an der Klatsche, normale Menschen tun sowas nicht.

4. Der Amoklauf war nur ein Symptom eines viel, viel tiefer liegenden strukturellen Problems.

Die ortsansässige Polizei ging direkt von 1. aus. Weitere Recherchen führten zu 2, 3 und 4, wobei 4 gewissermaßen aus 2 folgt, 3 die Verstärkung von 1 ist und 1… naja. 1 ist halt, was passiert, wenn Menschen „einfache“ Erklärungen wollen. Es ist so viel einfacher, ein Individuum als krank zu bezeichnen, als bei der Gesellschaft anzusetzen und dort nach Problemen und Erklärungsansätzen zu suchen. Die Stigmatisierung psychisch Kranker setzt sich also auch hier munter fort, auch wenn sie viel häufiger Opfer von Gewalt sind und nicht Täter. Aber was sind schon Fakten, wenn man eine einfache Erklärung haben kann?

Aus 2,3 und 4 folgte eine Debatte. Jede Aktion führt zu einer Reaktion. Nach #YesAllWomen kam #NotAllMen und die Frage danach, ob Feminismus überhaupt nötig ist, ob das nicht nur blanker Männerhass ist, yadda yadda, schon oft genug gehört. Die wunderbare bell hooks schrieb in „Feminism is for Everybody“, dass oft gesagt wird, dass es genauso viele Feminismen wie Feministinnen gibt. In gewisser Hinsicht stimmt das. Mein Feminismus ist nicht der von Alice Schwarzer ist nicht der von Patricia Hill Collins ist nicht der von Betty Friedan ist nicht der von Simone de Beauvoir ist nicht der vo… ihr versteht, was ich meine. Ich erzähl euch mal, was mein Feminismus ist, ja?

1. Mein Feminismus ist intersektional. Alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung/Identität, Alter, Behinderungen, Religion sollen die gleichen Rechte und Chancen haben. Alle.

2. Menschen haben verschiedene Privilegien. Ich bin eine weiße, heterosexuelle cis-Frau aus der Mittelschicht, mit Migrationshintergrund, aus einem bildungsfernen Milieu, katholischer Sozialisierung und ohne sichtbare körperliche Behinderungen, aber mit chronischen Erkrankungen. Als weiße Frau werde ich nicht wegen meiner Hautfarbe diskriminiert. Als heterosexueller Mensch kann ich Dinge tun, die homosexuelle Menschen nicht tun können. Als Frau bin ich Sexismus ausgesetzt, aber meine sexuelle Identität gilt als Norm; ich muss mich nicht für meine Existenz als cis-Frau rechtfertigen, nicht darum kämpfen, als solche existieren zu dürfen. Mein Mittelschichtshintergrund heißt, dass ich mich nie darum sorgen musste, nichts zu essen zu haben. Mein Migrationshintergrund heißt aber auch, dass ich in manchen Belangen schlechter gestellt bin als Menschen ohne Migrationshintergrund. Dass meine Eltern und Schwestern „nur“ über „niedere“ Schulabschlüsse verfügen, hätte mich fast den Zugang zum Gymnasium und somit einer gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeit gekostet. Ein katholisches Elternhaus ist in Bayern keine Seltenheit. Es ist für meinen Alltag nicht entscheidend, ob Gebäude, Bahnhöfe und öffentliche Toiletten barrierefrei sind. Ich bin in manchen Bereichen besser dran als andere Menschen, in anderen hingegen schlechter. Es ist (für mich) enorm wichtig, sich seiner Privilegien als weißer/heterosexueller/cis/usw. Mensch bewusst zu sein. So kann man diese Privilegien nutzen, um marginalisierte Gruppen zu unterstützen, um Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, ihnen irgendwie weiterzuhelfen, ohne für sie sprechen zu wollen.

3. Abbau von Privilegien ist keine Benachteiligung. Du kannst rumheulen, wie du willst, weil das Panter-Volontariat der taz explizit für Frauen mit Migrationsgeschichte ausgeschrieben wurde – dir stehen als Mann, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte, so viele Türen offen. Aber gut zu wissen, dass du genau durch diese Tür willst.

4. Geschlechterklischees („Männer können nicht kochen!“) sind kein Sexismus. Sexismus, Rassismus und Konsorten sind strukturell verankert und institutionalisiert (können aber auch internalisiert sein, z.B. „slut shaming“ von Frauen gegenüber Frauen). Was aber stimmt: Rollenerwartungen sind schädlich – für Menschen jedes Geschlechts.

5. Du hast gerne Sex? Das ist toll! Du magst Sex nicht? Das ist toll! Du magst One-Night-Stands? Das ist toll! Du möchtest keinen Sex vor der Ehe? Das ist toll! Du möchtest Sex gerne zu deinem Beruf machen? Das ist toll! Selbst über seinen Körper bestimmen zu können ist toll.

6. Und weil selbst über seinen Körper bestimmen können so toll ist, sind reproduktive Rechte und der Zugang zu Verhütungsmitteln extrem wichtig. Ja, ich gucke Sie an, Herr Spahn.

7. Das Opfer von sexueller und/oder häuslicher Gewalt ist nicht schuld. Nie. „Du hättest dich anders anziehen müssen“, „du hättest deinen Partner nicht provozieren dürfen“, „selber schuld, wenn du bei ihm/ihr bleibst“ – Bullshit. Kompletter Bullshit. Das ist so viel komplexer und dem Opfer die Schuld zu geben zeugt von nicht besonders viel (Sach-)Verstand.

8. Du möchtest vier Kinder und Hausfrau sein? Das ist toll! Du möchtest vier Kinder und Aufsichtsratvorsitzende werden? Das ist toll! Du möchtest keine Kinder? Das ist toll! Es geht darum, dass du die Wahl hast, was du in Sachen Kinder/Karriere machen möchtest. Es sollte dich niemand dazu zwingen, dich für eines von beiden oder beides zu entscheiden. Du solltest die Möglichkeit haben, dich frei entscheiden zu können und das zu wählen, was dich glücklich macht.

9. Feminismus ist keine Bewegung gegen Männer. Nope. Nononono. Feminismus ist eine Bewegung für Frauen, und wenn du das liest und fragst, was für dich als Mann dabei rausspringst, solltest du das mit den Privilegien noch mal lesen (man kann Männer übrigens total super finden und gleichzeitig Feministin sein. Eine Shailene Woodley hingegen mag das anders sehen).

10. Nur weil du alle Rechte hast, die du brauchst, heißt das lange nicht, dass andere Frauen das auch so empfinden. Wenn du Feminismus heute als unnötig ansiehst, weil doch schon alles erreicht wurde, ignorierst du die Bedürfnisse von ca. 3,5 Milliarden anderen Frauen auf diesem Planeten. Herzlichen Glückwunsch, du bist ein egozentrisches Arschloch. Oh und – ja, Frauen woanders auf der Welt haben es schlechter, aber das heißt noch lange nicht, dass ich deswegen die Fresse halten und mich mit meiner Stellung als Frau in der westlichen Gesellschaft abfinden muss.

Falls du, lieber Leser, es bis hierhin geschafft hast: Herzlichen Glückwunsch, du hast dich durch meinen zusammenhanglosesten Text geackert. Vielleicht, mit ein bisschen Glück, lässt du dir durch den Kopf gehen, ob Feminismus wirklich so kacke ist. Vermutlich läuft das aber wohl eher so ab:

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PS Auch wenn man mir Gegenteiliges unterstellt – ich habe nie behauptet, unfehlbar zu sein. Es gibt viele verschiedene Strömungen im Feminismus; das da ist halt meine.

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11 Gedanken zu „Xanthippe steckte mir eben Valium zu

  1. Volle Zustimmung, bis auf Deinen Punkt 9 („Feminismus ist keine Bewegung gegen Männer“). Ich finde, da verallgemeinerst Du ziemlich massiv.

    Wie Du selber auf Ask geschrieben hast: „Ja, es gibt viele verschiedene Arten von Feminismus“… und leider sind auch einige Splittergruppen des Feminismus wie die „Womyn“-Aktivisten (http://en.wikipedia.org/wiki/Womyn) vertreten, die durchaus als „militant gegen Männer“ einzustufen sind… schade, weil diese Extremisten den Ruf des Feminismus in den Dreck ziehen.

  2. Ich stimme dir in vielem zu, aber wenn du schon die Kriminalstatistik, die ja bekanntlich nur eine begrenzte Aussagekraft hat, zitierst, gehört hierher auch noch der Hinweis: Ja, es ist richtig, die überwiegende Anzahl der Tatverdächtigen ist männlich. Richtig ist aber auch, dass, wenn man vom Spezialfall der Vergewaltigung weg geht und zum Oberbegriff der Gewaltkriminalität schaut, das Verhältnis männlicher mutmaßlicher Opfer zu weiblichen mutmaßlichen Opfern etwa 2-3 zu 1 ist. Ich habe als Mann also eine 2-3 Mal so große Chance, Opfer von Gewaltkriminalität zu werden. Ich habe eine dreimal so große Chance, dass jemand versucht mich zu töten.

    Das Problem sind gewalttätige Männer, völlig klar. Klar ist auch, dass nicht alle Männer gewalttätig sind, was aber auch niemand behauptet. Die Opfer sind aber bitte nicht nur weiblich, was bei dieser Debatte ein wenig untergeht, sondern das betrifft uns alle. Ich glaube, dass man sich durch diesen simplen Hinweis seht viel Solidarität von Männern organisieren könnte, die sonst eben doch eher auf der „notallmen“-Schiene wären.

    Ich rede hier ausdrücklich nicht von Belästigungen in der Öffentlichkeit. Davon bin ich glücklicherweise nicht betroffen und ja, wir haben auch damit ein Problem.

      • Dadurch klammerst du aber meiner Meinung nach einen Teil des Problems aus, was ich argumentativ ungeschickt finde, da man so „notallmen“ provoziert und den Leuten einen einfachen Ansatzpunkt gibt, sich nicht nicht mit dem Rest der Argumentation zu beschäftigen.

        Aber okay. We agree to disagree.

  3. Einerseits sagst du, es gibt viele verschiedene Feminismen, sodass man nicht alle verallgemeinern kann, andererseits sollen Männer sich nicht so haben, wenn sie mit Mördern und Vergewaltigern verallgemeinert werden, weil manche Feministinnen im Vorwurf keine Einschränkungen benutzen wollen. Und dann wieder soll Feminismus keine Erhöhung der Frau über Männer sein.

    Und ja, dass ich mit Mördern und Vergewaltigern in eine Reihe gestellt werde, ist meine erste Sorge, weil da nämlich mein Job und mein Ruf dranhängt. Das sind ganz persönliche Dinge meines Lebens, die ich für keinen Kampf aufgeben kann und will und sei er auch noch so gerecht. Denn ich lebe davon, aber nur so lange, wie meine Vorgesetzte nicht das Klischee von Männern als Vergewaltiger und Mörder glaubt, weil sie ein Mörderchromosom haben, wo der Herr bei Frauen zwei Kreuze machte. Das Mitranten bringt einem Mann* nicht viel, wenn er von Feministinnen* mit Verbrechern verallgemeinert wird, weil dann nämlich nur ein Verbrecher einen anderen beschuldigt. Männer, die sich über das aufregen, worüber Feministinnen* sich aufregen, sind dann nämlich nur rehabilitiert, aber nicht von Anfang an unschuldig. Die Verallgemeinerung von Männern ist genauso problematisch wie die von Frauen oder anderen sozial umschriebenen Gruppen, denn das Ergebnis von Verallgemeinerungen sind eben immer Klischees. Das gilt für den Mann als Täter per Geburt genauso wie für Blondinenwitze.

    Darum ist es richtig, dass auf einen Satz wie „Männer und ihr Anspruchsdenken“ immer die Antwort „aber nicht alle Männer“ folgt. Denn zumindest für Allies, wenn nicht sogar noch mehr, trifft es nicht zu.

    Scheiße nochmal, einige von euch erfinden gegenderte Sprache und eine neue, allinkludierende Grammatik, damit niemand verallgemeinert wird, aber bei Verbrechen mit männlichen Tätern bestehst du auf Verallgemeinerungen? Im Ernst?!

    Und wie soll man wissen, dass ihr es wisst, dass nicht alle Männer soundso sind, wenn ihr es gar nicht so sagt?

  4. Pingback: Leseliste (15): 11.06.2014 - Kulturblättchen

  5. „Feminismus ist keine Bewegung gegen Männer. Nope. Nononono. Feminismus ist eine Bewegung für Frauen“

    Das wäre allerdings so ziemlich das gleiche, wenn man von einem Nullsummenspiel zwischen Männern und Frauen ausgeht und nicht einem zumindest teilweise kooperativen Spiel.
    Mir scheint die feministische Theorie diesen Nullsummenspielaspekt durchaus zu betonen

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