Über Nationalstolz, Doppelstaatler und Konsequenz

Ich twittere mittlerweile seit fünf Jahren. Es überrascht mich nicht, dass Menschen kacke finden, was ich mache, und mir das auch (meist ungefragt) mitteilen. Trotzdem bekomme ich manchmal Nachrichten, die mich über ihre Verfasser staunen lassen. So wie gestern, als mir vorgeworfen wurde, ich… Ach, lest selbst.Screen Shot 2014-06-13 at 02.34.56

 

Anlass: Ich wettere gegen Nationalstolz. Prinzipiell. Aber insbesonders während WM und EM, denn da sieht man überall fähnchenschwenkende, „Schlaaaand!“ rufende Patrioten, die eine Mannschaft feiern, mit deren Mitgliedern sie nicht sehr viel mehr verbindet als die Staatsbürgerschaft.

Mir erschließt sich nicht, warum man stolz darauf ist, dass man rein zufällig in einem bestimmten Land geboren wurde oder rein zufällig Eltern hat, die aus einem bestimmten Land stammen. Man kann auf sehr viele Dinge stolz sein und ich verstehe auch einige davon, aber über nichts hat man weniger Kontrolle als über Zeit und Ort seiner eigenen Geburt. Warum genau sollte man also darauf stolz sein? Man hat damit nichts geleistet, die Welt nicht zu einem besseren Ort gemacht, man hat damit eigentlich nix zu tun – warum also Stolz?

Mit dieser Einstellung bin ich nicht allein in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Die Sozialpsychologin Dagmar Schediwy wird oft zitiert, wenn es um dieses Thema geht, da sie die Entwicklung des Patriotismus in Deutschland von 2006 bis 2011 untersucht hat. Bottom Line? „Der Stolz auf die eigene Nation ist immer mit der Abwertung anderer Gruppen verbunden.“ Aha. Klingt ganz harmlos, dieser Partypatriotismus, den Gaucki so super findet, vor allem wenn man bedenkt, dass um die WM rum „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zunimmt. Wenig überraschendes Ergebnis der Langzeitstudie: Nationalstolz geht mit „Fremdgruppenabwertung“ Hand in Hand. Aber das ist sicher alles ganz harmlos.

„Aber Kati, was hat denn der Tweet von vorhin damit zu tun? Du willst den armen Typen doch nur durch den Dreck ziehen!“ Geduld, mein Freund. Der Tweet hat mehr mit meinem Geschreibsel zu tun als der von Marco postulierte Zusammenhang zwischen Nationalstolz und zwei Pässen.

Ich bin nicht stolz darauf, dass ich in Deutschland geboren wurde. Ich bin nicht stolz darauf, dass meine Familie aus Kroatien stammt. Darauf habe ich keinen Einfluss. Das ist halt so. Dass es mir so wichtig war, beide Pässe behalten zu können, ist keine Frage des Nationalstolzes oder Nationalbewusstseins, sondern eine individuelle, biographische Entscheidung. Es ist egal, wie sehr ich gegen das Nationalstaatsprinzip wettere (das finde ich nämlich auch komplett unnütz, aus den selben Gründen wie oben und weil die Geschichte der Nationalstaaten… okay das führt zu weit): Das Leben als Tochter kroatischer Einwanderer in Deutschland hat mich geprägt. Für jemanden wie Marco mag ein Pass nur ein Stück Papier sein, für mich ist es ein Teil der Identität – womit ich übrigens nicht allein bin. Darüber habe ich schon einmal ausführlich geschrieben.

Und wenn ich eins nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn Menschen mir sagen, wie ich über meine eigene Situation zu denken habe.

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Ich finde es auch faszinierend, dass mir wegen der doppelten Staatsbürgerschaft Privilegien zugeschrieben werden, die ich nicht besitze. Ich bin in zwei Staaten steuerpflichtig (rein theoretisch) – großes Privileg, werde ich ausnutzen. Ich kann in zwei Staaten wählen – praktisch, zumal für ca. 2,5 Millionen in der Diaspora lebenden Kroaten drei Parlamentssitze gedacht sind; da ist meine Stimme sicher entscheidend. Wird durch die deutsche Staatsbürgerschaft mein Migrationshintergrund plötzlich gelöscht? Darf ich mir einen deutsch klingenden Nachnamen aussuchen, der keinen Aufschluss über meine Herkunft gibt? Das wäre super, echt. Ist ja nicht so als hätten Menschen mit Migrationshintergrund urplötzlich keine Nachteile auf dem Arbeitsmarkt mehr, nur weil sie bei Staatsangehörigkeit „deutsch“ hinschreiben können. Und jeder weiß, dass es Menschen mit ausländischen Wurzeln im Bildungssystem so viel leichter haben als Deutsche, sie die besseren Jobs bekommen und auch ihr Armutsrisiko viel niedriger ist. Ich weiß gar nicht wohin vor lauter Privilegien! Natürlich kann ich nicht glaubhaft über Diskriminierung sprechen. Seitdem ich meinen deutschen Pass habe, ist mein Leben so viel angenehmer und ich hatte in den 13 Jahre als Deutsche nie mit Mikroaggressionen zu kämpfen.

Wenn es inkonsequent ist, Nationalismus jeglicher Couleur scheiße zu finden und das auch offen zu sagen, aber staatsbürgerliche Rechte einzufordern, die einem ius soli zustehen, dann bin ich inkonsequent. Ich lasse mir aber nicht erzählen, wie ich als Mensch mit Migrationshintergrund mich zu fühlen habe, schon gar nicht von jemandem, der nie in meinen Schuhen steckte.

 

PS Warum aus mir nix wird, wüsste ich auch gern. Liegt wahrscheinlich am Migrationshintergrund.

 

 

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13 Gedanken zu „Über Nationalstolz, Doppelstaatler und Konsequenz

  1. Persönluiche Meinung: Wer auf die Dasuer in einem bestimmten Staat leben will, sollte versuchen, dessen Staatsbürgerschaft zu bekommen. Einerseits, weil man damit z..B. an Wahlen teilnehmen kann, andererseits, weil man damit sich und anderen viel unnötiges bürokratischen Rumgemache ersparen kann.

    Dass man dafür eine andere Staatsbürgerschaft nicht aufgeben will, wenn sich das vermeiden lässt, kann ich mnachvollziehen: Man kann sich damit z.B. Papierkram ersparten, wenn man in die „alte Heimat“ reisen will, oder unerfreuliche Diskussionen mit Verwandten, oder man verbindet damit einfach ein Stück Persönlichkeit. Eine doppelte Staatsbürgerschaft tut normalerweise niemandem anders weh und kostet die Allgemeinheit auch nicht wirklich was. Also warum nicht?

    Wenn Leute zur WM mit bunten Fähnchen winken, habe ich damit kein Problem, solange ich nicht mitmachen muss. Wenn die damit Spaß haben, ist das schön. Für manche Leute ist das eben auch ein Stück Persönlichkeit, ähnlich wie eine Staatsbürgerschaft das sein kann.

    • Schön, dass du nicht grundsätzlich schon den Besitz von zwei Staatsbürgerschaften verteufelst.

      Das Nationalismus nachweislich auf Abgrenzung und Anfeindung basiert, hast du erstmal nicht verstanden, oder? Gerade in der EU-Wahl sieht man, dass die Leute wg. z.B. Wirtschaftskriese sich von der EU abgrenzen und Nazis wählen.

      Ignorieren können, Spaß, Persönlichkeit, ist doch nur ne Meinung. Dein letzter Absatz ist eine Nullnummer, die auch jeden Nazi positiv bewerten würde.

  2. >>Ich twittere mittlerweile seit fünf Jahren. Es überrascht mich nicht, dass Menschen kacke finden, was ich mache, und mir das auch (meist ungefragt) mitteilen.<<
    Wie ist die Klammer "(meist ungefragt)" zu verstehen? Erwartet KatiKuersch, dass man erst kommentiert, wenn man von ihr um einen Kommentar gebeten worden ist? … ernsthaft? evtl. das Prinzip von Twitter bzw. eines Blogs nicht verstanden?
    …oh sorry, bin ja gar nicht nach einem Kommentar gefragt worden

    • Ganz einfach. Es geht nicht um Replys oder Kommentare, sondern dass Leute einfach mal öffentlich auf Twitter über Kati pöbeln, ohne dabei in irgendeinem persönlichen Verhältnis mit Kati zu stehen oder sich auf ein Tweet/Post zu beziehen.

      Sorry, ernsthaft, hast du nichtmal das Beispiel oben verstanden?

    • Den Unterschied zwischen „kommentieren“ und ihr sagen, dass sie und/oder ihre Art zu denken, zu schreiben und zu leben kacke und falsch ist, siehste nicht? Das ist traurig mein Freund, und sorgt dafür das ich sagen würde: Nein, der Kommentar von demjenigen, der sich nichtmal die Mühe macht zu lesen, nachzuvollziehen oder wenigstens von ihm selbst zitierte Inhalte zu verstehen – diesen Kommentar vermisst wirklich niemand.

  3. Hallo Kati,
    ich mag dich. Aber ich bin nicht immer einer Meinung mit dir, was man gut am obigen Beispiel sehen kann. Wir sind uns einig, dass der Tweet, der für den Blogpost ursächlich war, völlig daneben ist. Eine Scheißthese in einer Scheißverpackung. Minus und Minus gibt bei Weitem nicht immer Plus. Die folgende Diskussion macht es nur noch schlimmer.

    Wo wir uns nicht mehr einig sind ist die Nationalstolz-Sache. Ich hänge der romantischen These nach, dass Fußball verbindet. Seine Nationalmannschaft bei großen Turnieren anzufeuern hat in meinen Augen weniger mit Nationalstolz oder Nationalismus zu tun, sondern vielleicht eher mit Herdentrieb, den es schon deutlich länger gibt als das Nationalstaatsprinzip. Natürlich hat niemand einen echten, greifbaren Nutzen, wenn unsere Mannschaft Weltmeister werden sollte. Jedenfalls nicht so wie früher, als es mehr Nahrung bedeutete, wenn einer aus der Sippe das größte Mammut jagte. Dennoch finde ich es nicht per se verwerflich, sich aufgrund seiner Herkunft einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Ob man darauf dann stolz sein kann und sollte, steht auf einem Blatt. Mit dem gleichen Argument könnte man auch das Konzept familiäre Liebe anzweifeln, auch da ist man nur durch Zufall rein geboren, aber niemand würde einem vorwerfen dass man seine Eltern liebt, oder seine Geschwister, „bloß weil man grade zufällig im selben Körper gewachsen ist“. Ich bin auch stolz, wenn meine Kinder etwas gut machen. Obwohl es nicht meine Leistung ist und sie nur sehr zufällig aus einem meiner Spermien entstanden sind.

    Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe macht noch lange keinen Nationalisten und automatisch schlecht ist es ganz sicher auch nicht. Die meisten der von dir angesprochenen Schlaaaandfans freuen sich über einen Grund Freunde zu treffen, ein Bier zu trinken, drölf Würstchen zu grillen und ein Thema zu haben, über das sich vortrefflich diskutieren lässt und feuern dabei einfach einen Teil ihrer Herde an.

    Ja, dabei entsteht immer Konkurrenzdenken. Ja, man kann es „Fremdgruppenabwertung“ nennen, aber man muss nicht. Ich finde Konkurrenz wichtig. Sie ist eine Triebfeder, die uns anspornt. Sie ist zutiefst menschlich und sie treibt uns zu Höchstleistungen, körperlich wie geistig. Solange das mit einem Augenzwinkern geschieht, und sich eigentlich liebt, was sich manchmal neckt, ist das, meiner Meinung nach, nichts Schlimmes.

    An meinem Auto hängen keine Fahnen, außer die Kinder wollen es, aber bis jetzt nicht, ich habe kein Trikot, keinen Schal und doch würde ich mich freuen, würde Deutschland Weltmeister. Warum weiß ich nicht genau, aber mit Nationalstolz hat das nichts zu tun, ich stehe diesem Land durchaus kritisch gegenüber.
    Aber Nazis sind Nazis und Idioten sind Idioten, vor der WM, nach der WM und eben auch während der WM. Deshalb alle Fußballfans, die die Spieler ihres Landes anfeuern gleich zu Nationalisten zu machen finde ich übertrieben.

    Mit freundlichen, ungefragten Grüßen,
    Rock Galore

    • Hallo Rock,

      ich kann deine Einstellung zum Nationalstolz verstehen, aber der Vergleich mit der Familie hinkt, finde ich. Normalerweise hat man zu seinen Familienmitgliedern eine emotionale Bindung durch gemeinsame Erlebnisse, gemeinsames Aufwachsen oder Eltern-Kind-Beziehung. Etwas ähnliches sehe ich bei der Beziehung zur Nation nicht.
      Das mit dem Zugehörigkeitsgefühl wird von Frau Schediwy öfters erwähnt und auch das kann ich verstehen. Problematisch wird es halt, wenn man „sein“ Land erhöht und es als „besser“ betrachtet, weil es halt „sein“ Land ist. Ich verstehe auch nicht so ganz, warum man sich in schwarz-rot-gold wickeln muss, um sich mit Freunden gemeinsam die Spiele anzugucken und zu grillen, aber okay, jeder wie er möchte.
      Mich stört vor allem die Verharmlosung des „Partypatriotismus“, zumal es Belege für die Zunahme „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ im Zusammenhang mit sportlichen Großevents gibt. Wenn das Gemeinschaftsgefühl und die Gruppenzugehörigkeit mit der Abwertung/Anfeindung anderer einhergehen, kann ich das nicht gutheißen.

      Liebe Grüße zurück,
      Kati

      PS Ich mag dich auch.

  4. Ich stimme dir zu wenn du sagst, Patriotismus könne problematisch und gefährlich sein, weil er ausschließende Elemente beinhaltet. Richtig ist auch, dass eine enge emotionale Bindung grade an das eigene Land schnell dazu führen kann, dass das Denken in bestimmten Belangen stereotyp wird und zu einer Fremdgruppenabwertung führt.

    Ich bin mir allerdings nicht sicher, dass dieser „Fußballpatriotismus“ immer unbedingt mit Nationalstolz zu tun hat. Beim Sport geht es doch regelmäßig darum, dass zwei oder mehr Parteien darum kämpfen, zu gewinnen. Die Fans gucken die Spiele oft nicht (nur), weil sie den Sport generell und in jeder Facette immer toll finden; sondern weil sie mit einer der Parteien mitfiebern und sich mit einer Partei identifizieren. Und ihre „Zugehörigkeit“ zu der Partei drücken sie durch die Vereinsfarben, -schals, -wappen und ähnliches aus. Bei Nationalmannschaften geht das über die Nationalflagge. Insofern würde ich Nationalspiele und den Hype um Fußballgroßereignisse eher mit dem Vereinsfußball vergleichen: Auch dort gibt es Fans, für die ausschließende Elemente (Vereinsrivalitäten beispielsweise) zu ihrer Identität als Fan gehören und gemäßigte Fans, die ohne Probleme mit anderen feiern können.
    Ich hatte bei WM-Spielen auch schon ein Deutschlandtrikot an, habe mir das Gesicht angemalt und eine Deutschlandfahne geschwenkt. Nicht weil ich stolz darauf bin, Deutscher zu sein oder zufällig in diesem Land geboren zu sein; sondern weil es nach außen zeigt, für wen ich bei einem konkreten Ereignis die Daumen drücke. Und ich drücke die Daumen grade für die Mannschaft, weil zumindest ein Teil Deutschlands mich geprägt hat und daher Teil meiner Identität ist, ganz unabhängig davon, dass vieles in Deutschland nicht optimal läuft und verbesserungsbedürftig ist. Genauso, wie meine Heimatstadt ein Teil meiner Identität ist (weswegen ich dem Heimatverein bei Fußballspielen immer ein wenig die Daumen drücke, auch wenn ich kein großer Fußballfan bin und das Stadion kaum privat für Spiele besucht habe).
    Und wenn die Nationalmannschaft aus dem Turnier fliegt, ärgere ich mich vielleicht darüber; aber deswegen kann ich – sicher im Gegensatz zu manchen anderen Fans, aber vielen geht es so wie mir – trotzdem mit dem Griechen, Polen, Russen, Italiener, Spanier, Brasilianer, Portugiesen, Franzosen oder Niederländer von nebenan ein Bier auf das Spiel trinken. Selbst wenn „seine“ Mannschaft „meine“ aus dem Turnier geworfen hat, der Sieg total unfair war und der Schiedsrichter mal wieder miserabel gepfiffen hat.

    Das ändert alles aber natürlich nichts daran, dass Tweets wie die von dir zitierten ziemlich dumm sind und die Argumentation auf fehlende Beschäftigung mit der Thematik schließen lässt.

  5. „Wenn es inkonsequent ist, Nationalismus jeglicher Couleur scheiße zu finden und das auch offen zu sagen, aber staatsbürgerliche Rechte einzufordern, die einem ius soli zustehen, dann bin ich inkonsequent.“
    Staatsbürgerliche Rechte garantiert dir ein (National)staat. Das erste ist nicht ohne das zweite zu haben. In diesem Sinne würde deine Ablehnung von Nationalstaaten bedeuten (du schreibst zwar hier Nationalismus, aber weiter oben „wetterst“ du gegen das Nationalstaatsprinzip), dass du auch die daraus folgenden Rechte ablehnst. Dann wäre es zumindest etwas merkwürdig, eben diese im selben Atemzug einzufordern, oder nicht?
    An dieser Stelle würde mich deine Alternative zum Nationalstaatsprinzip interessieren. Ich meine, irgendwie musst du ja einen Staatsapperat (zumindest für grundlegende Verwaltungs- und Sicherungsaufgaben) haben. Oder verfolgst du da einen libertären Ansatz, wo selbst hoheitliche Aufgaben privat organisiert werden?

    „Ich wettere gegen Nationalstolz. Prinzipiell. Aber insbesonders während WM und EM, denn da sieht man überall […] Patrioten, die eine Mannschaft feiern, mit deren Mitgliedern sie nicht sehr viel mehr verbindet als die Staatsbürgerschaft.“
    Es ist interessant, wie die Staatsbürgerschaft ganz selbstverständlich für dich „individuell“ (nach eigener Aussage) ein (wichtiger) Teil deiner Identität ist, du das bei anderen aber scheinbar nicht im Ansatz nachvollziehen (oder auch nur akzeptieren) kannst. Du scheinst hier nicht nur die Staatsbürgerschaft, sondern auch die Moral doppelt zu besitzen (man verzeihe mir das Wortspiel).
    „Der Stolz auf die eigene Nation ist immer mit der Abwertung anderer Gruppen verbunden.“
    So geht es mit allen Gruppenzugehörigkeiten, ob Fanclub, Heimatort oder Religion. Eine Gruppe beinhaltet immer die Abgrenzung von anderen Gruppen. Das muss nicht zwangsläufig negativ sein. Im Gegenteil, ein gesunder Wettbewerb kann sehr produktiv wirken. Zudem denke ich, dass das Gruppengefühl zur menschlichen Natur gehört. Du nennst es Identität.

    Bleibt die Frage, warum es dich stört, wenn andere Leute sich schwarz-rot-goldene Schminke ins Gesicht malen. Bist du als Feministin nicht dafür, dass sich jeder ins Gesicht malen darf was er will? Gehört das nicht irgendwie auch zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper? Wenn ja, wieso hört die bei den Nationalfarben plötzlich auf?

    Und zu guter letzt die doppelte Staatsbürgerschaft an sich. Ich finde das Konzept ja nicht so gut. Es führt zu vielen Problemen, z.B. doppelt wählen (di Lorenzo) und doppelte Besteuerung. Aber auch die Loyalitätsfrage. Wenn du z.B. eine nachrichtendienstliche oder militärische Position inne hättest, könnte das zu einem Interessenkonflikt mit deiner anderen Staatsbürgerschaft führen. Ein direkter Krieg wäre hier nur ein extremes Beispiel. Wie vermeidest du das?
    Meiner Meinung nach wäre es einfacher, wenn jeder nur eine Staatsbürgerschaft (zur selben Zeit) haben kann. Meinetwegen gerne mit Wahlmöglichkeit und Sonderregelung für permanentes Aufenthalts- und Arbeitsrecht im anderen Staat (falls nicht durch Schengen sowieso gegeben). Aber eben nur einer zur selben Zeit. So wie beim Wohnort innerhalb Deutschlands. Da gilt auch exakt einer als Erstwohnsitz, wo Steuern, KFZ etc. verwaltet werden.
    Vielleicht ist das alles nicht so schlimm. Vielleicht lässt sich das alles lösen. Vielleicht ist meine Meinung nur einem (typisch deutschen) Wunsch geschuldet, alles zu zweifelsfrei und korrekt zu sortieren und organisieren. In dieser Frage lasse ich mich auch gern überzeugen, oder im Zweifel überstimmen.

    • Hallo Vinzenz,
      ich kann das Nationalstaatsprinzip ablehnen, aber mich dennoch mit dem System arrangieren. Georg Diez hat neulich geschrieben, was mit dem Nationalstaatsprinzip nicht stimmt, auch wenn er sich auf eine andere Region bezieht: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pankaj-mishra-georg-diez-ueber-isis-a-976364.html
      Ein Nationalstaat ist ein Konstrukt und keine gottgegebene Ordnung, die man ja nicht in Frage stellen darf. Nationalstaaten sind vergleichsweise jung und angesichts der Tatsache, dass genau wegen Nationalstaaten, „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und Chauvinismus nicht wenige Kriege geführt worden sind, frage ich mich, warum das System bis heute überlebt hat. Du siehst: Ich finde das Prinzip „Nationalstaat“ fragwürdig, aber kann nix dagegen machen, dass ich in diesem System lebe, also arrangiere ich mich und fordere auch die Rechte ein, die mir zustehen.
      Alternativ zu einem Nationalstaat fände ich Verwaltung auf kommunaler oder bundesstaatlicher Ebene sinnvoller, aber ich bin auch gespannt, wie sich die EU entwickelt. Es könnte ja gut sein, dass eine Entwicklung zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ stattfindet, auch wenn ich angesichts der letzten Wahlergebnisse skeptisch bin.

      Die Identitätsfrage ist sehr einfach zu beantworten: Ich war die Hälfte meines Lebens Ausländerin. Mir wäre aufgrund meiner Herkunft der Besuch des Gymnasiums beinahe verweigert worden. Wenn man in einem Land geboren wurde, dort aufgewachsen ist und dennoch als „fremd“ wahrgenommen wird, ist das eine identitätsprägende Erfahrung. Ich habe in den letzten 23 Jahren meinen Platz in einer Gesellschaft gesucht, in die ich, möchte man einigen Stimmen glauben, nicht hineingehöre. Ich wünsche niemandem, dass er diese Erfahrung machen muss. Ich habe sie gemacht und sie hat mich wiederum zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Meine Identität habe ich dabei als Individuum gefunden, nicht als Teil einer Gruppe, schon gar nicht beeinflusst von der Zugehörigkeit zu einem Staat.

      Du wirst in kaum einen anderen Bereich eine solche Fremdgruppenabwertung finden wie wenn es um Nation, Ethnizität, Geschlecht und Religion geht. Seinen Fußballverein kann man sich aussuchen – die anderen Sachen nicht.

      Netter Seitenhieb mit dem Feminismus. Mich stört es nicht, wenn sich jemand Farben ins Gesicht malt; mich stört es, wenn dies mit der Abwertung anderer und der Überhöhung des „Eigenen“ verbunden ist. Du sagst zwar, dass das nicht zwangsläufig stattfinden muss, aber es wurde empirisch belegt, dass im Zusammenhang mit Events wie WM/EM „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ steigt.

      di Lorenzo hat illegal gehandelt. Das ist klar, verachtenswert und sollte auch geahndet werden. Es handelt sich hierbei um Wahlbetrug. Wenn du sagst, dass die doppelte Staatsbürgerschaft generell dieses Problem mit sich bringt, unterstellst du also allen Menschen, die zwei EU-Staatsbürgerschaften haben, dass sie (potenzielle) Wahlbetrüger sind. Ich frage mich, was dich zu einer solchen Aussage animiert.
      Was die Doppelbesteuerung angeht, hat die Bundesregierung mit einer Vielzahl von Staaten Abkommen getroffen, die genau das verhindern.
      Die Loyalitätsfrage ist, entschuldige bitte meine Wortwahl, kompletter Bullshit. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist nur für wenige Staaten möglich, darunter die anderen EU-Staaten und Staaten, die ihre Bürger prinzipiell nicht aus der Staatsbürgerschaft entlassen. Man kann durch Einbürgerung deutscher Staatsbürger werden, was heißt, dass man gewisse Kriterien erfüllen muss. Bei manchen gehört dazu ein Einbürgerungstest, in dem auch die Verbundenheit zur freiheitlich-demokratischen Grundordung überprüft wird. Wer einen deutschen Schulabschluss und somit den Großteil seiner Kindheit und Jugend hier verbracht hat, muss den Test nicht ablegen. Studien belegen, dass die Integration immer besser klappt; wo genau soll also der Loyalitätskonflikt liegen?

      Wenn du dich etwas mehr über klassische Einwände gegen die doppelte Staatsbürgerschaft informieren möchtest, hilft dir die Bundeszentrale für politische Bildung weiter: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/57278/einwaende?p=all

      • Zum Nationalstaat ist mir immer noch nicht ganz klar, was du damit genau meinst. Vielleicht fehlen mir da zwei Semester Politikwissenschaft? Auch Diez gebraucht zwar große Worte („Das Zeitalter des Nationalstaats ist vorbei.“), ist aber sehr wolkig bei seiner Forderung, es brauche „neue, dezentrale Strukturen“. Wie auch immer die aussehen sollen.
        „Alternativ zu einem Nationalstaat fände ich Verwaltung auf kommunaler oder bundesstaatlicher Ebene sinnvoller […]“
        Was ist denn eine Verwaltung auf bundesstaatliche Ebene? Da steckt doch das Wort Staat schon drin. Die muss doch in irgendeinem festen Rahmen (auch geographisch) existieren. Und auch wenn Europa mal zusammenwächst, dann entsteht doch nur ein neuer Nationalstaat, eben der einer europäischen Nation. Die hat sogar schon eine Flagge und eine Hymne. Dann laufen wir eben mit blauer Schminke im Gesicht rum, aber ansonsten ist das Prinzip gleich.

        „Die Identitätsfrage ist sehr einfach zu beantworten:“
        Ich glaube du machst es dir etwas zu einfach. Du sagst, „Meine Identität habe ich dabei als Individuum gefunden, nicht als Teil einer Gruppe, schon gar nicht beeinflusst von der Zugehörigkeit zu einem Staat.“. Aber wieso ist dir dann die doppelte Staatsbürgerschaft so wichtig? Ich denke, der Pass ist für dich mehr als nur ein Reisedokument. Denn davon bräuchtest du nur eins. Deine Erfahrungen tun mir leid, die hätte ich dir auch nicht gewünscht. Aber versuch doch mal die Situation aus meiner Sicht zu sehen. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Es ist meine Heimat. Es ist Teil meiner Identität. Und das wirfst du mir vor, wenn ich Deutschland bei der WM anfeuere? Wenn ich die Farben dieses Landes tragen will, weil mir dieses Land etwas bedeutet? Es ist ja nicht so, als ob ich damit dich ausschließe. Wie die meisten Leute freue ich mich darüber, wenn Einwanderer aus anderen Ländern unsere Farben tragen. Es sind ja jetzt schließlich auch deine Farben!

        „[…] aber es wurde empirisch belegt, dass im Zusammenhang mit Events wie WM/EM “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” steigt.“
        Fußball ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man gegeneinander spielen und dennoch nachher miteinander feiern kann. Klar gibt es Feindlichkeiten. Es gibt auch Hooligans, die verprügeln sich gegenseitig nach Fußballspielen zwischen Clubs aus dem selben Land. Und ich sage dir, die würden sich auch prügeln, wenn es keinen Fußball gäbe. Dann fänden sie eben einen anderen Grund. Ich denke, Nationalität ist hier viel mehr Symptom als Ursache.

        „Du wirst in kaum einen anderen Bereich eine solche Fremdgruppenabwertung finden wie wenn es um Nation, Ethnizität, Geschlecht und Religion geht. Seinen Fußballverein kann man sich aussuchen – die anderen Sachen nicht.“
        Nationalität und Religion kann man sich sehr wohl aussuchen, man kann sie ja ändern. Geschlecht heutzutage sogar auch. Darum geht es überhaupt nicht. Und was willst du mir damit sagen? Dass Gruppen prinzipiell schlecht sind, weil daraus Rivalitäten entstehen können? Das passiert auch zwischen einzelnen Menschen, völlig ohne Gruppen. Ich finde, gewisse Gruppenunterschiede und -rivalitäten sind auch normal, so wie Geistes- vs. Naturwissenschaften. Außerdem denke ich, dass Gruppenzugehörigkeit ein natürliches Bedürfnis von Menschen ist, weil man einfach irgendwo dazugehören will. Wer ist schon gern allein?
        Was soll also das Ziel sein, Nationalität als Gruppe oder Gruppen allgemein abzuschaffen?

        „Wenn du sagst, dass die doppelte Staatsbürgerschaft generell dieses Problem mit sich bringt, unterstellst du also allen Menschen, die zwei EU-Staatsbürgerschaften haben, dass sie (potenzielle) Wahlbetrüger sind. Ich frage mich, was dich zu einer solchen Aussage animiert.“
        Hahaha. Ach, Kati, ich unterstelle das sogar *allen*. Oder denkst du vielleicht, ich verlass mich darauf, dass ihr schon alle ehrlich sein werdet?! Deswegen müssen Wahlen so organisiert werden, dass Betrug möglichst ausgeschlossen wird. In Deutschland funktioniert das mit Wählerlisten und Wahlscheinen. Damit können die sicherstellen, dass jeder nur einmal wählt. Deutschland und Italien haben aber zwei verschiedene Wahlämter, die nichts miteinander zu tun haben und auch nicht kommunizieren. Darum ist es keinem aufgefallen. Wenn jeder nur eine Staatsbürgerschaft haben könnte, gäbe es dieses Problem nicht. Es wird also in gewisser Hinsicht dadurch verursacht.

        „Die Loyalitätsfrage ist, entschuldige bitte meine Wortwahl, kompletter Bullshit.“
        Ist sie nicht. Selbst bei dem (übrigens sehr interessanten interessanten) Link, den du geschrieben hast, ist sie im zweiten Teil unter Punkt (c) genannt. Deswegen schreiben die zum Beispiel auch, dass Leute mit bedeutenden Ämtern ihre andere Staatsbürgerschaft zurückgeben sollten, eben um Interessenkonflikte zu vermeiden.

        „Netter Seitenhieb mit dem Feminismus.“
        I try my best :-)
        Jetzt wurde es doch irgendwie ein Roman. Naja, ich hoffe zumindest, du verstehst ein wenig meinen Standpunkt.

  6. Wie schon in Ask geschrieben stimme ich dir 100%ig zu was den punkt angeht warum man stolz drauf sein soll, nur weil ich hier geboren wurde.
    Ich bin kein stolzer deutscher der sein Land liebt. ganz im Gegenteil. es gibt hier so viel schlechtes, und die Fehler der Vergangenheit des Landes machen es mir unmöglich stolz auf meine Herkunft zu sein. Letzt endlich sind wir alle Menschen. Wir haben alle 2 Arme und Beine. Wir sind halt alle gleich. Ich finde Weltmeisterschaften, egal ob fussbal oder Olympische Spiele immer unerträglich. Aber gleichzeitig frag ich mich wo diese ganzen „Patrioten“ sind, wenn z.B. die weltmeisterschaft im Tischtennis statt findet. Diese Fussball und Partypatrioten machen mich einfach nur wütend manchmal.Besonders diese die auf einmal Fussball gucken und die deutsche Mannschaft anfeuern, obwohl sie sonst nie ein gutes Wort über das Land verlieren und auch sonst nie Fussball gucken. Ich frag mich echt immer was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die diesen Herdentrieb nach gehen. Als Deutschland Weltmeister wurde, wurde es ja in Städten in der Nacht ziemlich laut was mich auch sehr gestört hat. Aber wenn man dagegen bei FB z.B. was gesagt hat, wurde man doof angemacht und es hieß lass uns doch den Spass, WM ist nur alle 4 Jahre usw. Und da sagte ich „Ok, wenn Superbowl ist, und meine favorisierte Mannschaft gewinnt geh ich auch raus auf die strassen und jubel extrem und bin laut. Dann will ich auch Verständnis dafür“ Aber ne dann wurde ich als Ruhestörer abgestempelt. Warum muss ich es dulden wenn sich die Leute draussen für ein WM Titel, der uns normale Bürger rein garnix bringt, so laut freuen, das es stört? Man kann sich doch auch gesittet und leise Freuen, wenn man schon diesen ganzen Schwachsinn mit verfolgt.
    Manchmal frage ich mich, wie es der Mensch geschafft hat sich so weit zu entwickeln.

    So ist nun doch länger geworden der Text als ich geplant habe^^

  7. „…….aber über nichts hat man weniger Kontrolle als über Zeit und Ort seiner eigenen Geburt…Man hat damit nichts geleistet, die Welt nicht zu einem besseren Ort gemacht, man hat damit eigentlich nix zu tun“

    „Ich habe den 2. Weltkrieg nicht angefangen und keine Juden vergast. Ich kann nichts dafür. Das war die Großelterngeneration. Ich habe die Welt nicht schechter gemacht, also wieso sollte ich dafür büßen“

    Selbe Argumentation, andere Richtung.

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