#NotJustSadButAlsoPissedOff

Zu #NotJustSad wurde schon vieles gesagt und wie so oft kann ich meine übergroße Klappe nicht halten, also legen wir mal los. 

1. Der Hashtag ist enorm wichtig. Er bietet einen Einblick in das Leben und die Gefühlswelt von Menschen mit Depressionen. Ich bin Jenna und Malaika sehr dankbar, dass sie das angestoßen haben. Dass das solche Wellen geschlagen hat, trägt hoffentlich zur Entstigmatisierung von Menschen mit Depressionen bei.

2. Die psychologische und psychiatrische Versorgung in Deutschland ist katastrophal. Die langen Wartezeiten können lebensgefährlich werden. Nein, ich dramatisiere nicht, auch wenn meine Wortwahl das nahelegt.

3. Wenn man dann mal einen Therapieplatz hat, besteht immer noch die Gefahr, dass es einfach nicht passt. Es ist enorm wichtig, dass die Chemie zwischen Therapeuten und Klienten stimmt; fehlt das Vertrauen zum Therapeuten, kann die Therapie nicht erfolgreich sein. Aber man hat doch so lange gewartet und so viel Hoffnung in die Therapie gesetzt und jetzt kann man doch nicht abbr- doch. Kann man. Sollte man. Und weitersuchen. Auch wenn es schwierig ist und verdammt viel Kraft kostet, die man eventuell nicht hat.

Aber: Eine Therapie ist kein Allheilmittel und nicht für jeden in jeder Lebenslage das Richtige. Es gibt viele verschiedene Ansätze. Für den einen funktioniert das eine, für den anderen verschlimmert das alles. Selbst wenn man den „richtigen“ Ansatz gefunden hat, braucht man auch noch den „richtigen“ Therapeuten. Das dauert.

4. Ja, das Internet kann manchen (!) Menschen in manchen (!) Situationen damit helfen, besser klarzukommen. Fragt mal. Ich denke, dass es wichtig ist zu wissen, dass man nicht allein ist, dass es auch andere gibt, die mit den gleichen Problemen kämpfen, und das hat der Hashtag (hoffentlich) gezeigt.

EDIT: Im Internet eine gewisse Unterstützung zu bekommen, die einem eventuell im persönlichen Umfeld fehlt, kann auch dazu führen, dass sich jemand für eine Therapie entscheidet.

Das Internet kann aber eine professionelle Behandlung nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen.

5. Ich war in einigen Momenten an einem Punkt, an dem ich nicht genau wusste, wo die Depression aufhört und meine Persönlichkeit anfängt. Die Grenzen verschwimmen mit der Zeit. Wenn die Depression weg ist, was bleibt dann noch von mir? Man möchte so dringend, dass es einem besser geht, aber man hat auch Angst davor, weil man sich nicht mehr daran erinnern kann, wie es vorher war. Als man noch gesund war. Als es grad nicht akut war. Das waren die Momente, in denen ich am meisten Angst hatte, weil so beschissen eine depressive Episode auch ist, sie lullt einen ein. Und das ist ein gefährlicher Aspekt der Krankheit, der nicht vergessen werden darf.

6. Dennoch ist man mehr als seine Diagnose. Es kann enorm hilfreich sein, endlich einen Namen für das Kind, das man schon so lange mit sich rumschleppt und das immer schwerer wird, zu haben. Ich habe Jahre gebraucht, um von „Ich bin Borderlinerin“ zu „Ich habe eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetypus“ zu kommen, und das war für mich ein sehr wichtiger Prozess. Hoffentlich sind außenstehende Menschen da etwas schneller und begreifen, dass man nicht von heute auf morgen eine ganz andere Person ist, nur weil man ihnen jetzt von seiner psychischen Erkrankung erzählt hat. Die Angst, dass sie einen nun doch anders behandeln, bleibt aber.

7. Stichwort Diagnose: Ich halte es für unklug, sich mal bisschen durch Google und Wikipedia zu lesen und dann zu sagen: „Aha, ich bin also xy“. Wenn man den Verdacht hat, eine psychische Erkrankung zu haben, kann das ein erster Anhaltspunkt und somit ein wichtiger erster Schritt sein; dennoch sollte man das ärztlich bestätigen lassen, damit eine angemessene und effektive Behandlung eingeleitet werden kann. Die erste Anlaufstelle kann da der Hausarzt sein, der mit ein bisschen Glück ein wenig telefonieren und so einen Termin beim Facharzt vereinbaren kann, der nicht drei Monate in der Zukunft liegt.

EDIT: Ein Besuch beim Hausarzt ist eh nicht verkehrt, um körperliche Ursachen auszuschließen.

8. Wichtig ist auch, dass nicht jeder Mensch mit Depressionen die gleichen Symptome hat. Die Erfahrungen die du gemacht hast müssen sich nicht zwangsläufig mit meinen decken und umgekehrt. Das macht deine Gefühle und Erlebnisse nicht weniger echt und wichtig – meine übrigens auch nicht.

Wir halten also fest: #NotJustSad wichtig, Versorgung schlecht, Therapie kein Allheilmittel, kann aber überlebenswichtig sein, nicht alle Menschen mit Depressionen gleich.

Ach, eins noch:

9. Nein, niemand sagt, dass Depressionen schlimmer sind als andere Krankheiten. Geh weg.

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2 Gedanken zu „#NotJustSadButAlsoPissedOff

  1. Pingback: #Briefing: "Facebook at Work", Twitter will zurück zu Google

  2. Pingback: Viel mehr -I’m #NotJustSad | Sternschnuppe Blog

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