Gutmenscharschlöcher

Im Laufe meines Lebens habe ich schon viele verschiedene Beleidigungen an den Kopf geknallt bekommen. Manche davon verstehe ich, andere nicht. Eine ganz besonders nicht: „Gutmensch“.

Der Duden sagt, ein Gutmensch sei ein „[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o. ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt“. Aha. Kann man unkritisch politisch korrekt sein? Dass es Menschen auf den Sack geht, ihr eigenes potenziell diskriminierendes Verhalten und/oder Denken zu reflektieren, kann ich ja verstehen. So halbwegs zumindest. Das ist wirklich anstrengend, habe ich mir sagen lassen.

Aber zurück zu den Gutmenschen. Der gemeine Gutmensch an sich, was macht der denn eigentlich, das ihn so furchtbar macht, dass er zu einem Schimpfwort wird? Christian Nürnberger identifizierte das Gutmenschentum als „die links-liberal-feministisch-schwul-lesbische Schickeria, die Grünen, die Klimaforscher, die Multikulturalisten, die Veranstalter von Live Aid und Live-8-Events-für-Afrika, die klampfenden Wir-sind-alle-lieb-Kirchentagsbesucher, und all jene Biedermänner und Biederfrauen, die das Denken durch die Moral ersetzen, nichts können, aber eine edle Gesinnung haben, nichts wissen, aber allerhand glauben und meinen, vor dem Islam in die Knie gehen, vor den Terroristen kapitulieren und die nächste Hölle vorbereiten“. Das klingt in der Tat schrecklich. Die links-liberal-feministisch-schwul-lesbische Schickeria ist der Dachverband der Virulenten Homolobby, die sich die „Totalverschwulung sämtlicher heterosexueller Männer und [die] damit einhergehende Ausrottung der Menschheit“ zum Ziel gemacht hat. Verständlich, dass jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand da Angst bekommt. Da braucht es gar nicht den Veggie-Day-Totalitarismus der Grünen oder die musikalische Grausamkeit von „Do They Know It’s Christmas“, um den Gutmenschen in all seinen Variationen zum natürlichen Feind der „Mitte der Gesellschaft“ zu machen.

Dann warf ich aber einen Blick ins Grundgesetz und stutzte. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, irgendwas mit „freier Entfaltung der Persönlichkeit“, „alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, irgendwas mit Religionsfreiheit, „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ – da gutmenschelt es doch sehr, möchte man meinen.

Im Kontext von Diskussionen über Pegida, Flüchtlinge und Asylgesetzgebung stößt man auch immer wieder auf Geschimpfe über das Gutmenschentum. Dass genau jene patriotischen Europäer, die das christlich-jüdische Abendland vor der Islamisierung retten wollen, sich über Menschen aufregen, die ihr Handeln auf so einem gänzlich unchristlichen Wert wie Nächstenliebe oder dem furchtbar weltfremden Grundgesetz, das ja bekanntlich das Werk einer polyamoren Kommune voller Feminist_innen mit verschiedensten Geschlechtsidentitäten ist, aufbauen, ist das hübscheste Paradebeispiel für Ironie, das mir in den letzten Jahren begegnet ist.

Aber gut. In den Zehn Geboten steht ja nur „Du sollst nicht morden“. Dass man Asylbewerberheime nicht anzünden soll, steht da nicht. Das Abendland ist also sicher. Die wahre Gefahr kommt – wie immer – von links, aus der Ecke der Gutmenschen.