1000 Tode schreiben

Manchmal schreibe ich, ohne mich dabei über irgendwas aufzuregen. Selten, aber es kommt tatsächlich gelegentlich vor. Der Text da unten entstand irgendwann spätabends. Er ist ein Fetzen meines Innenlebens, also sehr persönlich, und musste deswegen unbedingt veröffentlicht werden. Man kann ihn nicht nur hier lesen, sondern auch in 1000 Tode schreiben. Der Erlös des eBooks geht an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin. Wenn ihr also mehr Texte über den Tod lesen möchtet (was ich euch sehr empfehlen würde) oder wenn ihr etwas Gutes tun wollt (was ich euch noch viel mehr empfehlen würde), könnt ihr das Buch kaufen.

Oh. Sicherheitshalber mal eine Triggerwarnung [Suizid].

Meine Beine baumeln und ich erinnere mich, wie ich früher auf der Schaukel saß und nur mit Müh und Not und ganz viel Strecken Sand zwischen meinen Zehen spüren konnte, bevor ich wieder nach vorne oder hinten schwang. Heute ist an meinen Beinen nur Luft. Ich sitze auf der Brüstung des Balkons und atme den Sommerabend ein, als ER seine langen Beine über das Geländer schwingt und sich neben mich setzt.

„Hartes Jahr, hm?“

„Nicht dein Ernst.“

„Sorry. Humor war nie so meins. Niemand lacht über meine Witze.“

„Weil sie scheiße sind. Immer. Lass es einfach.“

Der Tod schweigt, während ich an meiner Zigarette ziehe. Wir schauen beide nach unten.

„Du könntest einfach springen.“

„Könnte ich.“

„Dann mach doch.“

„Ach, ich weiß nicht.“

„‚Ach, ich weiß nicht.‘“

„Hör auf, mich nachzuäffen. Du kennst mich. In all meiner Impulsivität bin ich doch nicht gerade spontan. So etwas will gut durchdacht sein.“

„Es wird früher oder später sowieso passieren.“

Ich schnippe die Zigarette weg und beobachte den Fall der Glut.

„Weißt du, manchmal habe ich Angst, dass sie eines Tages sagen werden, dass sie sich nicht gefragt haben, ob ich es tue, sondern, wann es so weit ist.“

„Wirst du doch eh nicht mehr miterleben, also kann es dir egal sein.“

„Könnte es.“

„Dann mach doch.“

„Ach, ich weiß nicht.“

„.Ach, i…’“

Ein finsterer Blick bringt ihn zum Schweigen. Nicht der richtige Zeitpunkt für Scherze.

„Weißt du, es wäre dann alles vorbei.“

„Ja. Keine Leere mehr, nie wieder Panikattacken, keine Stimmungsschwankungen, keine depressiven Episoden. Du wärst frei. Erlöst.“

„Wäre ich.“

Wir schweigen. So wie wir nebeneinander sitzen fühlt es sich ein bisschen an wie ein Rendezvous zweier schüchterner Teenager. Ich warte darauf, dass er „zufällig“ meine Hand streift und so testet, ob Körperkontakt okay ist, um dann mit mir Händchen zu halten. Irgendwie süß. Ich muss lächeln.

„Es wäre endgültig vorbei.“

„Yep.“

Meine Beine baumeln.

„Unumkehrbar.“

„Hat Sterben so an sich, ja.“

Ich vermisse den Sand zwischen meinen Zehen.

„Heute nicht.“

Er wirkt enttäuscht, als ich mich vorsichtig drehe und den Boden des Balkons ertaste.

„Vielleicht nächstes Mal.“

„Du kannst mich nicht ewig hinhalten.“

„Ich weiß.“

„Eines Tages wird es passieren.“

„Ja. Aber nicht heute. Vielleicht auch nicht morgen. Vielleicht dauert es noch Jahre. Mit etwas Glück für mich und Pech für dich Jahrzehnte. Aber eines Tages. Vielleicht musst du ja irgendwann die Initiative ergreifen, weil ich kein Interesse mehr habe. Bis dahin… Mach’s gut.“

Als ich die Balkontür hinter mir schließe, ist er weg. Ich weiß, dass er wiederkommen wird. Hoffentlich vergehen bis zum nächsten Treffen noch ein paar Jahre. So lange gehe ich schaukeln.

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4 Gedanken zu „1000 Tode schreiben

  1. Es ist immer wieder zum Verzweifeln…. das Leben. Oder wie man es auch nennen mag. Aber vielleicht ist es am Ende den Versuch wert. Den Versuch es zu probieren, jeden Tag auf’s Neue. Und ja, da sind so viele Menschen, die es wert sind. Aber keiner von denen lebt mit meinem/Deinem „Innenleben“ – am Ende sind wir doch alleine mit uns. Ich habe eine Mama, die mich liebt, Einen Mann, der mich liebt. Freunde, die alles für mich geben würden. Und doch ist man am Ende allein. Allein nachts mit Gedankenkarussel, allein mit “ stell dich nicht so an, es könnte soviel schlimmer sein“. Allein mit dem schlechten Gefühl, das nicht verdient zu haben. Allein mit dem Gedanken, man sei undankbar – weil… Ich habe doch alles was man sich wünschen kann. Nur warum „reicht“ das nicht? Irgendwie immer allein. Aber am Ende sind wir das vielleicht überhaupt nicht. Wahrscheinlich sind wir nicht so allein wie wir uns fühlen – das Entscheidende dabei ist nur, sind wir „anders“ – eine Laune der Natur, mit der wir nur zu leben lernen müssen, die wir als unser Inneres annehmen sollen oder sollen/müssen wir das ändern.
    Es ist gut zu spüren, das meine Gedanken und Gefühle nicht alleine sind auf dieser Welt.
    Ich habe beschlossen, das bin ich – das bleibe ich. Und vielleicht soll es genauso sein.

  2. Und jetzt tue ich etwas für mich…. ganz allein…. Ich gucke Gilmore Girls…. andere Welt, fremde Probleme – Danke für die Erinnerung an diese herrliche Serie!

  3. Du solltest bei Triggerwarung auch hinschreiben welcher Trigger (Suizid, noch einer? ich hab dann ein wenig weiter unten erst aufgehört zu lesen)

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