Fifty Shades of Gastbeitrag

KatiKuersch proudly presents den ersten Gastbeitrag auf ihrem Blog. Er stammt aus der Feder von @_Red_Queen.

Warum ich 50 Shades gefährlich finde, auch wenn es alle feiern*

(*Der Text ist auf einer heteronormativen Dynamik aufgebaut, da eben diese im Buch/Film gezeigt wird. Alle behandelten Themen und Probleme können allerdings in jeglichen gender- und orientation-Konstellationen auftreten!)

Als die Bücher erschienen, ging ein Raunen durch die Menge. BDSM-Thematik. In einem Buch. Einem Buch, das nicht nur in Bahnhofsbuchhandlungen verkauft wurde. 

Und 50 Shades wurde so schnell zum Mainstreamerfolg, so schnell konnte man gar nicht gucken. Jeder las die Bücher, verschlang sie heimlich zuhause im halbdunkeln Schlafzimmer oder ganz stolz präsentierend in der Bahn.

An sich wird eine recht typische Story beschrieben. Junges, unschuldiges Mädchen. Reicher, verdorbener Mann. Mann verführt Mädchen. Mädchen verliebt sich in Mann. So weit, so alt. Trotzdem wurde von einer „Revolution“ gesprochen, schließlich ging es nicht um „normalen“ Sex, sondern BDSM. Um einen Mann, der sich selbst als Dom bezeichnet und ein Mädchen, das von ihm als sub bezeichnet wird. 

Warum also reihe ich mich jetzt noch in die vielen vielen vielen Einträge ein, die schon zu diesem Thema geschrieben wurden?

Ganz einfach, weil ich gestern im Kino war (man weiß ja gerne, worüber man sich aufregt) und schockiert war von den Reaktionen der anderen Zuschauer. Von all dem Kichern aus den Reihen und dem verschämten Wegsehen abgesehen, fielen oft Kommentare wie: „Ich will auch einen Mr. Grey“, gefolgt von einem Augenzwinkern.

Ich bekam in letzter Zeit häufig gesagt, dass ich weder das Buch lesen, noch den Film ansehen müsse, wenn ich ein Problem mit der Thematik habe. Die Antwort darauf ist allerdings recht einfach. Doch, muss ich. Wieso? Weil die Problematik, die durch 50 Shades entstanden ist, nicht weg geht, nur weil ich wegsehe!  

Aber fangen wir doch am Anfang an und gehen schrittweise vor.

Was regt mich an der 50-Shades-Hysterie so auf?

Überall wird darüber gesprochen. Jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben. Jeder Radiosender und jede Fernsehshow baut das Thema irgendwie ein. Es werden Beziehungsexperten und Paartherapeuten eingeladen, die schlaue Sätze von sich geben wie: „Es ist eine gute Möglichkeit das langweilige Sexleben aufzupeppen“. Die Anmoderation sieht meist gleich aus, wie beispielsweise beim SAT1 Frühstücksfernsehen. „SM ist jetzt für jeden. Man haut sich ein bisschen auf den Popo und gut ist.“ Und die sogenannten Experten für das Thema pflichten lächelnd bei. Dazu fällt mir nur eines ein: NEIN! 

Ein Klaps auf den Po, ein bisschen härterer Sex macht noch lange kein BDSM. Außerdem hat BDSM nicht zwangsläufig etwas mit Schmerzen zu tun. 

Was genau ist BDSM eigentlich?

BDSM bezeichnet Spielarten aus den Bereichen Bondage&Discipline (BD), Dominance&Submission (DS), Sadism&Masochism (SM) zusammen.  Wie mit vielen großen Überkategorien ist es auch beim BDSM nicht möglich (und auch nicht wünschenswert) genau aufzuschlüsseln, was alles Teil des Spiels ist. Aber eines haben alle diese Spielarten gemeinsam: Sie beruhen auf Grundsätzen, die immer gelten.

Spiele im BDSM müssen und sollen immer safe, sane and consensual sein. Was das genau heißt? Es bedeutet, dass die Partner sich Gefahren und Risiken bewusst machen und die Gesundheit nicht gefährden, dass die Partner geistig fit und zurechnungsfähig sind und die Aktivitäten in beiderseitigem Einverständnis stattfinden.

Während bei S/M-Spielarten Schmerzen eine Rolle spielen, muss das bei D/s nicht auch so sein. Es gibt genügend subs, die abgesehen von einem Klapps auf den Po noch keine Erfahrungen mit spanking gemacht haben und die außer Plüschhandschellen, die sie zum 18. Geburtstag bekamen und danach an den Bettrahmen klickten, nichts mit Fesselungen zu tun haben.

Was genau Teil der jeweiligen Beziehung ist, aus welchen der vier Buchstaben sie nun bestehen mag, entscheiden einzig und allein die Partner, die daran beteiligt sind und dann auch immer safe, sane and consensual!

Spreche ich damit nicht den Lesern/Zuschauern ab, zwischen BDSM-Spiel und Missbrauch zu unterscheiden?

Teilweise, ja. Aus einem einfachen Grund. Nehmen wir an die Leserin X hat das Buch verschlungen. Sie war begeistert von den Charakteren und fasziniert von Mr. Grey und seiner Macht über Ana. Sie stellt sich vor sie wäre Ana und würde Mr. Grey gegenüberstehen. X geht mit einer Freundin feiern, trifft einen netten Mann Y. Y ist gutaussehend, klug und nennt sich selbst Dom. Er erklärt Y, dass er über sie bestimmen wird und weil Y nur 50 Shades als Grundlage hat, denkt sie, das sei okay. Er fängt an ihr zu verbieten sich mit ihren Freund_innen zu treffen, ihr Vorschriften zu machen, was ihre Freizeit anbelangt, und reagiert überaus eifersüchtig auf ihre Arbeitskollegen. Y sieht hier keinen Fehler, denn schließlich sind das Regeln, die „normal“ sind im BDSM-Bereich. Mr. Grey hatte doch auch Regeln für Ana. Und genau hier sind wir am Knackpunkt:

BDSM heißt nicht, dass die sub jegliche Rechte aufgibt.

BDSM heißt nicht, dass die sub keine Meinung haben darf.

BDSM heißt nicht, dass die sub tun muss, was immer ihr Dom verlangt.

BDSM heißt nicht, dass die sub ihr körperliches und geistiges Wohl vernachlässigen soll.

BDSM heißt nicht, dass die sub Gewalt ertragen muss, weil es angeblich zum Spiel gehört.

Der Unterschied zwischen BDSM und Missbrauch ist eigentlich einfach zu erkennen. BDSM setzt (informed) consent voraus. Alle beteiligten Personen sagen ausdrücklich, dass sie das wollen, was geplant wurde, und wissen auch über die Praktiken Bescheid. Missbrauch ist genau das, was das Wort schon sagt: Es ist das Ausüben von Handlungen, denen die Person nicht zugestimmt hat, oder nicht zustimmen konnte.

Trotzdem ist es manchmal – vor allem für Menschen, die neu zum BDSM finden – schwer zu erkennen und zu verstehen, wo Grenzen überschritten, wo sie zu etwas gedrängt oder überredet werden/wurden. Vor allem wenn einer Person, wie in dem oberen Beispiel, eingeredet wird, man mache das nun mal so in diesen Beziehungen.

Aber auch als Neuling ist man natürlich nicht hilflos ausgeliefert. Man kann sich mit der Thematik auseinandersetzen, mit anderen aus der Szene (Stichwort Stammtisch!) über deren Erfahrungen und auch über die eigenen sprechen und vor allem sollte man vorsichtig sein, wenn vermeintliche Doms einem einreden wollen, was „richtiges“ BDSM ist.

Kurz gefasst ist es für Neue und Interessierte wichtig: Hinterfragt, kommuniziert, seid neugierig, recherchiert, lest auf twitter/tumblr nach, meldet euch bei fetlife oder ähnlichen Seiten an!

(Schön zusammengefasst ist der Unterschied hier.)

50 Shades ist abuse!

Zu diesem speziellen Aspekt wurde schon so viel geschrieben, dass ich es nicht treffender schreiben könnte.

Mr. Greys Vergangenheit ist kein Auslöser und keine Entschuldigung!

Die Kommentare kurz nach dem Erscheinen des Buchs waren recht eindeutig. Viele in meinem Umfeld ließen verlauten, dass es kein Wunder sei, dass Mr. Grey so seltsame Vorlieben habe, schließlich habe er vieles durchgemacht. Weil es natürlich einen Grund braucht, um bestimmte Vorlieben zu haben. Was genau ist der Auslöser für eine Vorliebe für Kuschelsex? Oder wenn man nicht heterosexuell ist? Buch und Film vermitteln, dass es einen Grund geben muss, weshalb man BDSM lebt, obwohl das absoluter Blödsinn ist. Es gibt Menschen, die in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben und heute BDSM leben, genauso wie es Menschen im BDSM gibt, die noch nie Erfahrungen mit Missbrauch gemacht haben.

Viel wichtiger ist aber zu betonen, dass eine „schlimme Vergangenheit“ niemals eine Entschuldigung für Missbrauchsverhalten sein kann.

Was will ich eigentlich sagen?

Zu allererst natürlich: Fifty Shades of Grey ist mehr als problematisch.

Aber auch: Ihr interessiert euch für kink? Findet es spannend, aufregend und wollt ein bisschen in die verschiedenen Spielarten reinschnuppern? Tut es! Probiert aus, was euch interessiert, sucht euch andere Interessierte, besucht Parties, geht zu Stammtischen und Workshops!

Und immer daran denken: Gut für euch und eure Partner ist es nur, wenn es safe, sane and consensual ist!

Advertisements

3 Gedanken zu „Fifty Shades of Gastbeitrag

  1. Pingback: Markierungen 02/14/2015 - Snippets

  2. Der Hinweise auf SSC ist ja richtig und auch für Anfänger wichtig. Allerdings weiß auch jeder und jede, der und die länger im SM unterwegs ist, dass das immer auch mal grenzwertig wird, gerade wenn es in heftiger Bereiche geht. Natürlich ist z.B. jedem Anfänger ein Codeword als sinnvoll zu empfehlen, aber ebenso zur Wahrheit gehört, dass Spiele mit Codeword oft auch weniger prickelnd sind. Und das mit SSC ist eben auch nicht mehr so einfach, wenn wir uns im Bereich des Meta-Konsens bewegen.

    Wie gesagt: Ein für Anfänger wichtiger Text, aber auch nur die halbe Wahrheit. Aber natürlich ist es extrem richtig darauf hinzuweisen, dass SM keine Rechtfertigung für Vergewaltigung ist.

    • Ich würde Abstand davon nehmen, zu sagen, dass Sessions ohne Safeword generell „prickelnder“ sind. Das magst du so empfinden, andere aber nicht. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass niemand, der länger in der Szene aktiv ist und sich eingehend mit BDSM auseinandergesetzt hat, Fifty Shades of Grey als Anleitung zu BDSM verstehen würde, weshalb sich der Text ja auch primär an Menschen richtet, die bisher nur wenig mit der Thematik zu tun hatten und denken, diese missbräuchliche Beziehung sei halt BDSM und damit voll okay.

Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, bekommst du auch keine nette Antwort.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s