Schneisen schlagen

13. März 2015. Meine Nichte ist zwei Tage vorher 10 Jahre alt geworden und feiert am nächsten Tag ihren Geburtstag mit ihren Freunden im Schwimmbad. Sie hatte mich schon einige Zeit vorher angerufen und sehr lieb gefragt, ob ich die zweite „Erwachsene“ sein und mitkommen möchte. Natürlich weiß sie genau, dass ich ihr nichts abschlagen kann, vor allem nicht, wenn sie anruft und selber fragt. Am 13. März kam noch ein Anruf – ob ich mit ihr einkaufen gehen kann, sie bräuchte Badeshorts und die Mama kann heute nicht.

Sie freut sich sehr auf ihre Party und ist dankbar, dass ich mit ihr Shoppen gehe. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum fragt sie, ob ich wirklich die einzige aus der Familie bin, die aufs Gymnasium gegangen ist.

Vor 14 Jahren war ich selber gerade 10 Jahre alt und in der vierten Klasse, genau wie meine Nichte jetzt. Im Frühjahr gab es Übertrittszeugnisse, also eine Weichenstellung für das Leben nach der Grundschule. Meine Eltern waren bei meiner Klassenlehrerin in der Sprechstunde. Also von den Noten her sei ich schon für das Gymnasium geeignet, sagte sie, aber sie würde davon abraten. Mir fehle einfach der Rückhalt daheim. „Daheim“, also bei meinen Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind und denen die deutsche Grammatik und Rechtschreibung schwer fallen. Meine Mutter war Köchin, mein Vater Servicemechaniker in einem Sportgeschäft. Meine drei Schwestern waren schon erwachsen und haben nach ihrem Haupt- bzw. Realschulabschluss Ausbildungen gemacht. Meine Eltern waren gewaltig angefressen. Sie wussten, dass ihre Tochter nicht auf den Kopf und auch nicht auf den Mund gefallen ist, und sie wussten auch, dass es schon vorher Probleme mit der Klassenlehrerin gab. Auch aus Trotz entschieden sie sich dafür, ihr Nesthäkchen aufs Gymnasium zu schicken. Wir schauten uns gemeinsam drei Gymnasien im Münchner Norden an und ich suchte das aus, das mir am sympathischsten war (hallo, es hatte ein eigenes Schwimmbad).

Ich antworte meiner Nichte relativ knapp, ja, bisher bin ich die einzige, die aufs Gymnasium gegangen ist, aber das könne sich ja noch ändern. Sie hakt nach: Sie wäre dann also erst die zweite in der Familie, die aufs Gymnasium geht? Ja, wäre sie. Sie erzählt, dass ihre Noten besser geworden sind und dass viele ihrer Freunde auf ein bestimmtes Gymnasium gehen werden. Dort war neulich Tag der offenen Tür und ihre Freunde haben bei Experimenten mitgemacht. Das müsse ganz schön cool gewesen sein. Es schwingt ein bisschen Bedauern mit, dass sie nicht auch dabei war.

Meine Schwester kennt ihre Tochter. Sie weiß, dass sie nicht auf den Kopf und auch nicht auf den Mund gefallen ist, aber sie erinnert sich daran, dass die Kleine mal eine Vier in Mathe bekommen hat und sich danach „dumm“ fühlte. Die Kleine hatte sogar Angst, dass sie wegen dieser einen Note auf die Sonderschule muss. Meine Schwester ist sich unsicher, ob das Gymnasium wirklich das Richtige für ihr Kind ist. Sie geht auf Infoabende diverser Realschulen und der Orientierungsschule. Zur letzteren nimmt sie ihre Tochter mit, die aber bockig sagt: „Ich kann mir das heute anschauen, aber dass du’s weißt: Ich werde da sicher nicht hingehen. Ich gehe aufs Gymnasium!“

In der fünften Klasse bekam ich die erste Vier meines Lebens. Eine Bio-Ex, komplett kalt erwischt. Ich fühlte mich schrecklich und bat meine Eltern darum, mich lieber auf die Realschule zu schicken. „Das ist zu viel Druck.“ Sie sagten, ich spinne. Ich blieb auf dem Gymnasium. Meine Noten wurden von Jahr zu Jahr besser, aber ich entfernte mich auch immer mehr von meiner Familie. Mir fehlte jemand, mit dem ich über die Themen sprechen konnte, die mich nun interessierten: Politik, Literatur, Geschichte. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr in die Welt zu passen, aus der ich kam und in die ich jeden Nachmittag zurückkehrte, aber auch nicht so ganz in die Welt zu gehören, die vormittags auch meine war. Meine Schwestern wurden schwanger und erzählten von all den „studierten“ Mamis in ihren Geburtsvorbereitungskursen, die furchtbar arrogant wirkten und schon so alt (Mitte 30) waren. Würde ich auch mal so werden? Würde ich eines Tages auch eine studierte Mami Mitte 30 sein, die Menschen, die keine Akademiker sind, von oben herab behandelt? Und woher genau kam eigentlich diese Abneigung meiner Schwestern? Galt die auch schon für mich?

Samstag, 14. März. Partytime. Mein Schwager, meine andere Schwester und ich fahren mit 10 Kindern im Schlepptau mit der Tram durch die ganze Stadt. Die Kinder sind erstaunlich brav, unterhalten sich miteinander, aber spielen auch zusammen auf dem Handy „4 Bilder 1 Wort“. Sie fragen mich, ob ich bei einem Rätsel die Lösung weiß. Ich überlege kurz und antworte dann. Einer der Jungs sagt daraufhin: „Aaaaah, du bist also die schlaue Tante!“ Meine Nichte erwidert ein wenig erbost, sie hätte das doch vorhin schon gesagt und er soll doch mal zuhören. Ich lächle.

Meine Nichte wird nächsten Mittwoch in die 5. Klasse eines Gymnasiums eingeschrieben. Die zweite in der Familie. Ich bin sehr stolz auf sie, aber mache mir natürlich auch Sorgen. Eines ist aber klar: Sie hat jemanden, der ihr nahe steht, die gleichen oder zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht hat und an dem sie sich orientieren kann. Sie ist nicht die Exotin in der Familie. Sie muss sich nicht fragen, ob sie komisch ist, weil ihre Bildungsbiographie anders ist als die ihrer Eltern oder weil sich ihre Interessen vielleicht sehr stark unterscheiden. Das zu wissen tut gut und gibt uns allen ein Gefühl von Sicherheit.

Ich bin froh, dass meine Nichte mich als Vorbild sieht, auch wenn sich das für mich ziemlich komisch anfühlt. Immer mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund oder aus „bildungsfernen Milieus“ haben Zugang zu Gymnasien und Hochschulen. Immer mehr dieser jungen Menschen können für nachfolgende Generationen Vorbilder sein, hoffentlich ohne durch „also ich hab es ja geschafft, dann kannst du das auch“ Druck zu erzeugen. Das macht Hoffnung auf mehr soziale Gerechtigkeit in der Zukunft.

Interessant in dem Zusammenhang: „Vom Arbeiterkind zum Akademiker“

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Ein Gedanke zu „Schneisen schlagen

  1. Meine Mama ist auch gebürtige Kroatin, sie ist jetzt seit über 30 Jahren in Deutschland. Mein Vater ist Deutscher. Beide sind keine Akademiker. Trotzdem haben mein Bruder und ich Abitur gemacht und studiert.
    Ich habe mir bisher nie darüber Gedanken gemacht, wie das damals bei meinem Übertritt ablief. Da werde ich tatsächlich mal meine Eltern fragen. Jedenfalls wurde von unserer Familie aus nie in Frage gestellt, welchen Bildungsweg wir nehmen.
    Erst als wir aufs Land zogen (da war ich im der 7. Klasse) habe ich von Außenstehenden verwunderte Reaktionen erfahren. Sie schwankten zwischen Unverständnis (weil man uns vermeintlich zu viel zumutete) und Bewunderung (weil wir ja die Kinder einer Einwanderin waren und trotzdem aufs Gymnasium gingen).
    Aber rückblickend betrachtet erscheint mit der Werdegang gar nicht mehr so selbstverständlich, wie damals noch.

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