Nur Gulasch schmeckt aufgewärmt: Zu Body Positivity und „du bist doch gar nicht dick“

Auf Tellonym erreichte mich heute eine Nachricht, in der etwas angesprochen wurde, was schon einmal für Gesprächsstoff sorgte. Hier der Tell:

Warum nimmst du fatshaming activists den Raum mit deinem Gelaber vom Dicksein? Du weißt selbst, dass du zu den Normschönen gehörst, musst nicht so tun. Deine Selfies sind immer vorteilhaft, du hast ein schönes Gesicht, schöne Haare, eine Figur, die durchaus mehr als in den Rahmen von Kriterien fällt, in denen Frauen in unserer Gesellschaft als gut aussehend gelten etc. Du bist stolz auf deine Brüste, alles gut. Solltest du eine Körperwahrnehmungsstörung haben, ist das aber noch lange kein Grund, mit fat activism, so mit thickthighs usw. zu kokettieren. Damit silenct du die richtig dicken Frauen. Weil du etwas für dich beanspruchst, wozu du nicht gehörst. Aber so tust, als ob du voll im Body acceptance movement bist. Um Applaus und Bestätigung von deiner Bubble zu kriegen. Das ist nicht solidarisch mit fat activists, sondern vereinnehmend und schädigend.

Wenn du mit deinem Körper warum auch immer nicht zufrieden bist, hat das voll seine Berechtigung. Mach dich aber bitte nicht deswegen zur Vorreiterin einer Körperakzeptanz-Bewegung. Weil damit die richtig dicken Frauen immer noch weiter diskriminiert werden. Und du deine „och, du bist ja gar nicht so dick“s einsammelst. Mag für dein Ego super sein. Natürlich verurteilst du sowas öffentlich.
Aber das ist weder feministisch noch solidarisch.

Es gibt mehrere Wege, mich direkt zu kontaktieren, und diese wurde im Rahmen der bisherigen Diskussionen auch gewählt. Das als Tell zu hinterlassen ist natürlich bequem – es ist anonym und wenn ich mich dazu äußern will, muss ich das auf einer anderen Plattform machen, weil es nicht möglich ist, auf Tells direkt zu antworten. Es ist auch kein direktes Gespräch mit der Person möglich, die mir das geschrieben hat, was an sich ja okay ist. Ich verstehe nicht ganz, warum der Mut fehlt, vollkommen legitime, halbwegs sachliche Kritik auf einem anderen Weg zu äußern. So viel zur Form und weshalb ich euch mit einem endlos langen Blogpost behelligen muss.

Immer wenn solche Kritik kommt, ist mein erster Impuls, mein Gewicht, meine Maße, meinen BMI, meine Kleidergröße, meinen Körperfettanteil etc. zu veröffentlichen. „Guck!“, möchte ich rufen, „Ich hab sehr wohl eine Berechtigung, an diesem Diskurs teilzunehmen!“ Aber ich lasse es immer bleiben, weil all diese Zahlen irrelevant sind. Ich kann mich nicht hinstellen und einerseits sagen, dass der BMI Quatsch ist und ihn dann andererseits als Grund dafür anführen, weshalb ich mich zu dicken Frauen zähle.

Ich tue es dennoch. Also mich als dicke Frau sehen, nicht den BMI als Rechtfertigung dafür hernehmen. Vor etwa einem halben Jahr war ich bei einer Ernährungsberatung. Die Ernährungsberaterin fragte nicht, was ich mir von der Beratung erwarte oder was meine Ziele sind, sondern hatte in der ersten Sitzung Eiweißshakes und einen Schnellhefter mit einem Abnehmprogramm auf dem Tisch liegen. Als ich sagte, dass Abnehmen nicht mein Ziel ist, schaute sie mich an wie ein Auto. Wie kann denn das sein? Eine (for all intents and purposes) adipöse Klientin, die nicht abnehmen will? Nach dieser Sitzung war ich erst mal am Ende.

Natürlich gibt es Frauen, die dicker sind als ich. Ich habe das zweifelhafte Glück, das zu sein, was gemeinhin als „good fatty“ bezeichnet wird. Meine Sanduhrfigur gilt als begehrenswert, auch wenn sie den allgemeinen Schönheitsstandards nach schmaler sein könnte, aber das lässt sich alles kaschieren, es gibt ja zum Glücvorteilhafte Kleidung. Ich mache Sport, scheine also das Problem, das mein Körper für andere Menschen ist, beheben zu wollen. Ach, ich mache aus anderen Gründen Sport? Unvorstellbar, kann nicht sein, ist also nicht so. Meine Ernährung besteht neben Nussschnecken und Pizza auch aus Chiapudding und Salat, Balance ist nämlich alles. Die Röllchen an meinem Bauch – hm, naja, immerhin keine Wampe. Von den dicken Armen kann abgelenkt werden, indem mein Dekolleté betont wird. Aber wie war das – große Brüste zählen nicht, wenn sie dick ist? Und die Oberschenkel – puh, zum Glück sind die grad in. Und zum Glück hat Kati Humor und macht sich selbst runter, so muss das sonst niemand für sie erledigen. Nicht, dass Madame noch abhebt (könnte sie das überhaupt, das kleine Moppelchen?).

Ich sehe die Blicke von anderen Menschen. Ich kriege die Kommentare von medizinischem Fachpersonal. Ich mache mich in der Öffentlichkeit so klein und schmal wie möglich. In öffentlichen Verkehrsmitteln setze ich mich selten hin – was, wenn es knarzt und alle auf die Dicke schauen? Mit Menschen essen zu gehen ist für mich ein Drahtseilakt zwischen „gönn dir“ und „wag es ja nicht“. Ich trage das aber nicht alles nach außen. Im Internet kriegt man nur einen Bruchteil von mir und meinem (Innen-)Leben zu sehen, darunter Fotos, auf denen ich mich ganz okay finde. Ich gelobe hiermit feierlich, 2017 auch Selfies zu posten, die ich ganz schlimm finde, weil das ja alle machen (what?).

Es steht für mich außer Frage, dass Menschen, insbesondere Frauen*, die nicht als good fatty gelten und auf andere bzw. weitere Arten vom gängigen Schönheitsideal abweichen als ich, weitere Probleme haben und auf eine gravierendere Weise marginalisiert sind als ich. Diese Menschen möchte ich unterstützen, so gut es geht. Es kann aber auch nicht sein, dass mir meine Erfahrungen abgesprochen werden oder gar eine Körperwahrnehmungsstörung angedichtet wird. Ab wann genau darf man sich denn für body positivity einsetzen? Gibt es Aufnahmegespräche und einen schmucken Mitgliedsausweis?

Genau weil ich sehe, dass ich durch all die „good fatty„-Sachen in gewisser Weise privilegiert bin, sehe ich mich nicht als Aktivistin für fat acceptance. Ich finde die Bewegung super, unterstütze ihre Ziele und gucke mir das alles von Außen an, aber fühle mich dem Movement nicht zugehörig, weil ich – Entschuldigung, ich finde keine bessere Formulierung – keine spaces invaden will.

Dass „aber du bist doch gar nicht dick!“ häufig als Reaktion kommt, liegt nicht an mir. Ich kann nicht beeinflussen, was andere über mich denken. Es wird da halt bloß sichtbar, dass Dicksein als etwas Schlechtes wahrgenommen wird und „aber du bist doch gar nicht dick!“/“du hast abgenommen!“ ein Kompliment sein soll. Ich weiß, wie ich ohne Instagramfilter, angenehme Beleuchtung und den perfekten Spiegel aussehe. Das wissen übrigens auch viele Menschen, die mich schon mal getroffen haben. Also bitte: Solange du mich nicht getroffen und dich mit mir unterhalten hast, würde ich darum bitten, mit solcher Kritik zurückhaltender zu sein. Aber danke, dass ich so die Gelegenheit hatte, mich noch einmal dazu zu äußern.

 

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